Montag, 30. September 2013

La dolce amarezza


„Tu es nicht“, sagt er. Nennen wir ihn Paul. Den anderen, zu dem er spricht, Christoph. Ihre Namen sind sowieso einerlei. Sie könnten auch Dan und Steve heissen, oder doch gleich Fabio und Gianni, denn sie beide tragen braunen Locken und blicken aus diesen feuchten Augen, die von ihrer südländische Herkunft zeugen. Sie ähneln sich, sehr sogar.
„Warum nicht?“, fragt Christoph. Oder Gianni. Der zweite auf jeden Fall.
„Der Wind ist so frisch heute.“
„Es ist auch Morgen. Vier Uhr morgens.“
„Siehst du nicht die Lichter da unten, wie sie vor Leben flackern, wie sie tanzen?“
„Sie stecken niemanden mehr mit ihrem Fieber an. Sie sterben.“
„Schau dir die Vögel an, wie sie ihre Kreise ziehen und sehnsüchtig auf die Sonne warten.“
„Sie wird nicht mehr wiederkommen. Sie stirbt.“
Die ewige Stadt. Jahrtausend alte Ruinen neben Zara und Louis Vuitton. Der Duft nach knuspriger Pizza Bufala, süssem Pistaziengelato, frisch aufgebrühtem Caffè. Das Klackern der Pneus von vorbeidüsenden Vespe, die über die gepflasterten Strassen rasen. Die ausgelassene Stimmung auf der nächtlichen Piazza. Die Japaner mit ihren blitzenden Fotoapparaten.
Paul und Christoph.
Sie sehen genau gleich aus. Irgendwie. Nur von ihren Augen geht ein unterschiedliches Strahlen aus. Freude und Leid.
„Wieso?“, fragt Paul. „Wieso tust du das?“
Ein mächtiger Bau. Die ewige Stadt bietet viele von ihnen, doch keine schmückt sich mit so viel Bekanntheit wie dieser. Tagsüber düsen rastlos Lamborghini um das Relikt längst vergangener Zeiten, Menschen aller Nationen bestaunen seine geniale Architektur und trauern in künstlicher Nostalgie schwelgend um die vielen Seelen, die in seinem oval angelegtem Sandfeld auf brutalster Weise verloren gingen. Nachts ist es für niemanden zugänglich. Ausgestorben fristet es seinem für die Ewigkeit geschaffenem Dasein, wissend, niemals verschwinden zu können. Doch ganz allein ist es heute nicht. Diese Nacht erklimmen Paul und Christoph seine Fassaden.
„Ich will das nicht“, sagt Paul. „Wenn du gehst, muss ich auch gehen.“
„Ich kann nichts dafür, wenn du mir so auf Schritt und Tritt folgst.“
„Erkennst du nicht die Schönheit, die dich umgibt? Riechst du nicht auch die Süsse des Lebens?“
„Erkennst du nicht, wie die Welt langsam zu Asche und Staub zerfällt und ihr elendes Ende findet?“
Viele Menschen auf einem Haufen. In einer grossen Stadt. Tanz, Gelächter, Tratsch und Klatsch.
„Bleib hier.“
Viele Menschen auf einem Haufen. In einer grossen Stadt. Unzufriedenheit, Armut, Leid und Elend.
„Komm mit.“
Gutgläubige Nonnen und abgestumpfte Prostituierte. Armanitragende Geschäftsmänner und bettelarme Taschendiebe. Es ist unmöglich, an diesem Ort vollkommenes Glück zu finden, trotz der Lebensfreude, trotz all der Erzählungen, die das süsse Leben versprechen.
Christoph weiss, was er machen will. Paul kennt seinen Plan. Und kann ihn nicht davon abhalten.
Paul und Christoph. Sie teilen ein gemeinsames Schicksal. Sie teilen sich eine Seele, einen Geist, einen Verstand.
Sie sind eins.
Und er springt.
Ein Auge lacht, eines weint.