„Was, wenn das Universum lesbar wäre? Vielleicht steckt ja
das hinter der erschreckenden Schönheit der Dinge. Wir bemerken, dass etwas mit
uns spricht. Wir kennen die Sprache. Und doch verstehen wir kein Wort.“
„Er heuerte als Küchenmatrose auf einem Schiff an, das nach
Indien sollte, doch es sank schon drei Wochen nach dem Ablegen. Fische, so
fremd, wie er sie sich nie hätte vorstellen können, frassen sein Fleisch, seine
Knochen wurden zu Korallen, die Haare zu Seegras, seine Augen zu Perlen.“
-Daniel Kehlmann, F
„Besonders oben auf der Decke hing er gern; es war ganz
anders als das Liegen auf dem Fussboden; man atmete freier; ein leichtes
Schwingen ging durch den Körper; und in der fast glücklichen Zerstreutheit, in
der sich Gregor dort oben befand, konnte es geschehen, dass er zu seiner
eigenen Überraschung sich losliess und auf den Boden klatschte.“
-Franz Kafka, Die Verwandlung
„Jetzt weiss ich nur, dass ich wieder mal sechsundzwanzig
Aufsätze durchlesen muss, Aufsätze, die mit schiefen Voraussetzungen falsche
Schlussfolgerungen ziehen. Wie schön wär’s, wenn sich „schief“ und „falsch“
aufheben würden, aber sie tun’s nicht. Sie wandeln Arm in Arm daher und singen
hohle Phrasen.“
„Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der
Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt.
Die Lüge, Mutter aller Sünden.“
-Ödön von Horvath, Jugend ohne Gott
„If personality is an unbroken series of succesful gestures,
then there was something gorgeous about him, some heightened sensitivity tot he
promises of life, as if he were related to one of those intricate machines that
register earthquakes ten thousand miles away.“
-F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby
„This whole world is wild at heart and weird on top“
Ein jeder Schreiberling nimmt von irgendwoher seine Ideen, sucht irgendwo die unabdingbare Inspiration. Die meisten tun dies in der Literatur oder der Musik. Ich liebe gute Bücher, in denen ich versinken könnte sowie Musik, die mich in andere Welten entführt, daneben setze ich aber vor allem auch auf den Film. Es gibt nichts Schöneres, als sich in einen plüschigen, roten Kinosessel zu kuscheln und all die Bilder und Emotionen, die einem die Leinwand entgegenwirft, aufzusaugen. Das Kinojahr 2013 hat einiges hergegeben, obwohl es laut Statistik zu einem der schlechtesten Jahre der Schweizer Kinos zählt. An mir kann das nicht liegen, mit gut zwei Dutzend Kinobesuchen in diesem Jahr zähle ich mich zu einer leidenschaftlichen Cineastin. Ich sammle sozusagen Kinotickets wie andere Leute es mit Briefmarken oder Ü-Ei-Figuren tun. Die Geschichten, die dieses Jahr auf den Leinwänden flimmerten, waren berührend, packend, witzig und poetisch, alles in allem einfach wahnsinnig unterhaltend und inspirierend. Die Materie der meiner Meinung nach besten Filme will ich euch hier kurz näherbringen.
Grosses Kino
Zu den besten Blockbustern dieses Jahres gehören meiner Ansicht nach ganz klar Ang Lee's Life of Pi, die wunderbare Geschichte eines schiffbrüchigen Jungen, der über 200 Tage mit einem bengalischen Tiger auf dem Pazifik um sein Leben kämpft und dem Zuschauer Eintritt in die magische Welt Indiens gewährt, eine grossartige Adaption Yann Martel's gleichnamigen Roman, der zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe, zählt.
Wenig später erschien Quentin Tarantino's Django unchained in den Kinos. Blutig wie gewohnt, mit nach Gerechtigkeit strebenden Figuren, ausgefeilten Dialogen, einem grossartigen Leonardo DiCaprio und einem noch grossartigerem Christopher Waltz, der mit seiner Performance in seinem zweiten Tarantino-Streifen sogleich den zweiten Oscar für den besten Nebendarsteller absahnte.
Im Frühjahr dann liess es Baz Luhrman mit seiner Fitzgerald-Adaption The Great Gatsby mächtig krachen. Ein Feuerwerk an Farben in dem ganz und gar nicht enthaltsamen New York der Zwanziger, in der Hauptrolle einmal mehr Leonardo DiCaprio, der sich mit diesem Streifen endgültig zu einem meiner Lieblingsschauspieler gemausert hat. Im letzten Viertel des Jahres begeisterten dann noch zwei gelungene Fortsetzungen die Kinogänger, zum einen Francis Lawrence' Catching Fire, Fortsetzung des erfolgreichen "Hunger Games" mit einer unglaublich starken Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen sowie Peter Jackson's Hobbit: Desolation of Smaug, der zweite Teil der Trilogie um die Reise des kleinen Hobbits, die gesamt als Prequel der mächtigen "Lord of the Rings"-Trilogie fungiert.
Science Fiction
Dieses Genre ist so faszinierend wie kaum ein anderes, ich liebe es, in abgefahrene intergalaktische Geschichten einzutauchen und zu sehen, was die Zukunft möglicherweise bringen wird. Das eindrücklichste Filmepos dieses Jahres ist mit Sicherheit Gravity von Alfonso Cuaron. Nicht nur durch die grandiose schauspielerische Leistung Sandra Bullocks, atemberaubende Ausblicke auf die Erdkugel und die Unendlichkeit des Weltalls sowie ausgezeichnetem Tonschnitt ist dieses Werk oscarwürdig; Noch nie hat sich 3D so sehr gelohnt wie hier, wenn in den schallverschlingenden Weiten des Alls durch Meteroitenschauer abgesplitterte Teile des Raumschiffes in das Publikum geschleudert werden oder die Tränen der um ihr Leben ringenden Ryan Stone in der Schwerelosigkeit dem Zuschauer entgegenschweben.
Daneben gehören zu den ganz grossen Science-Fiction-Würfen Oblivion von Joseph Kosinski sowie Elysium vom südafrikanischen Regiesseur Neill Blomkamp, der einige Jahre zuvor mit dem grossartigen "District 9" ein für hartgesottene Sci-Fi-Fans unverzichtbaren Streifen geliefert hat.
Indie/Kulturfilme
Wer auf grosse Explosionen und leicht durchschaubare Plots mit unabdingbarer Lovestory und Happy End einmal verzichten will und sich so von den teuren Hollywood-Produktionen entfernen will, war dieses Jahr ebenfalls gut bei unabhängigen Filmen aufgehoben. Michel Gondry lieferte im Herbst mit L'écume des jours eine herrlich surreale Romanze, die in der zweiten Hälfte in eine düstere Depression abgleitet, die die letzten Bilder gar nur noch in schwarz-weiss zulässt. Fans von sprechenden Mäusen und anderen traumähnlichen Kuriositäten konnten hier völlig abtauchen.
Ebenfalls im Herbst brachte François Ozon seinen Streifen Jeune et Jolie auf die Leinwände. Die Geschichte der 17-jährigen Isabelle, die sich aus unerklärlichen Gründen in der Prostitution verliert ist wunderbar ehrlich, erschütternd und ungewohnt freizügig mit der grossartigen Marine Vacth in der Hauptrolle. Ebenfalls überzeugte Cloud Atlas der Wachikowskibrüder mit Tom Twyker. Die Adaption des gleichnamigen Bestsellers David Mitchells verbindet sechs völlig unterschiedliche Geschichten, die sich in einem Zeitrahmen über 500 Jahre erstrecken, auf äusserst virtuoser Weise. Für jeden ist was dabei, von Seefahrt über Krimi bis postapokalyptischer Science-Fiction ist alles zu sehen. Kürzlich erschien dann Only Lovers left Alive von Jim Jarmusch, eine herrlich düstere Romanze, die altgesessene Vampirmythen über Bord wirft.
Eigentlich kann ich unter all den Filmen, die ich bis jetzt gesehen haben, keinen absoluten Favoriten auserkoren, doch wenn ich es müsste, wäre es ganz bestimmt Beasts of the Southern Wild von Regiedebütanten Benh Zeitlin. Berührender war kein anderer Film dieses Jahr, der Streifen ist eine perfekte Mischung aus Indie und grossem Kino, wurde er doch in diversesten Kategorien für den Oscar nominiert, mit unter als besten Film. Grossartiger Soundtrack, atemberaubende Hauptdarstellerin.
Und was bringt das Kinojahr 2014?
Nun, einige interessante Streifen werden ins Kino locken, darunter Her von Spike Jonze, The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio, einmal mehr als millionenschwerer Geldsack, The Secret Life of Walter Mitty von und mit Ben Stiller, der bereits preisgekrönte Dreistünder La vie d'Adèle und Kill your Darlings von und mit Daniel Radcliff sowie gegen Ende des Jahres der Sci-Fi-Streifen Interstellar von Regiegrösse Christopher Nolan.
Was bleibt da mehr zu sagen als: Es lebe das Kino!
Gekonnt öffnet Max die elektrische Schiebetüre der geräderten
Schlange, die sich durch die Wälder, Hügel und Berge seines geliebten
Heimatlandes windet, und betritt den nächsten Waggon. Er ist immer amüsiert
über den Anblick der Zugfahrer, die sich damit abmühen, die Türe irgendwie
aufzubekommen, um in den nächsten Wagen zu schlüpfen. Doch er tut dies so oft,
dass er den Trick, die Türe nicht mit Kraft, sondern nur ganz leicht mit den
Fingerkuppen aufzustossen, schon im Schlaf beherrscht. Max wirft einen Blick
auf die vorbeiziehende Landschaft, die im schwindenden Licht der Dämmerung
langsam versinkt, bevor er die Passagierdichte des neuen Waggons checkt und
schliesslich seinen gewohnten Text monoton abspult.
„Nächster Halt Zürich Flughafen, Billets bitte.“
Die reisende Masse sieht ihn ehrfürchtig an und zückt ihr Portemonnaie. Noch
einmal tief einatmen. Auf geht’s. Erstes Abteil zur linken. Ein altes
Ehepärchen. Die Frau steckt ihm mit zahnlosem Lächeln die Tickets für beide
entgegen, Max lächelt gezwungen zurück, tackert die Papiere ab und wünscht
ihnen noch eine angenehme Fahrt. Er will sich umdrehen, doch die Oma hält ihn
an seinem Revers fest.
„Wissen Sie, wir fahren über die Festtage zu unseren Enkeln. Lea kann schon
laufen und Tobias hat eben seinen ersten Milchzahn verloren!“
Gebannt strahlt ihn die Oma an, ohne ihn loszulassen. Max weiss nicht wirklich,
was sie von ihm erwartet, schliesslich ist es nicht seine Aufgabe, mit seinen
Fahrgästen zu plaudern.
„Das, ähh“, stottert er, „Das ist wirklich sehr schön. Ich wünsche Ihnen viel
Spass.“
Max räuspert sich, reisst sich möglichst unauffällig von der grinsenden Oma los,
die ganz eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, und läuft eilig weiter.
Der Junge im nächsten Abteil kramt erst eine Ewigkeit in seinem Geldbeutel
herum und streckt ihm dann gelangweilt ein zerknittertes Stückchen Papier sowie
ein Halbtax-Abo entgegen. Max nimmt es entgegen, betrachtet zuerst das Billet,
dann die Plastikkarte, vergleicht das Gesicht auf dem Foto mit dem, das vor ihm
sitzt.
„Schöne Fahrt noch“, murmelt er, reicht dem Jungen seine Papiere und begibt
sich weiter. Weder das Abo noch die Fahrkarte sind gültig, und um ehrlich zu
sein ist sich Max nicht einmal sicher, ob das Abo überhaupt diesem Jungen
gehört, doch eigentlich ist ihm das egal und er hat auch überhaupt keine Lust,
einen Strafzettel zu verfassen, sich die Verteidigung des Jungen anzuhören,
sein Betteln, doch einmal ein Auge zuzudrücken und somit die Aufmerksamkeit der
anderen Fahrgäste auf sich zu ziehen. Und er will dem Jungen auch nicht hundert
Franken aus der Tasche ziehen, nicht heute, nicht an diesem Tag. So wie er
aussieht, besitzt er die sowieso nicht. Hundert Franken, dieser Betrag ist
sowieso eine Frechheit.
Der Zug fährt in den Tunnel und taucht sein Inneres in ein beinahe unheimliches
Licht. Noch sechzig Sekunden, dann wird er seine Türen öffnen und einige der
Passagiere ausspucken, bevor er neue durch seine Pforten schreiten lässt. Max‘
Blick gleitet über die Fensterscheiben und bleibt an seinem eigenen Spiegelbild
hängen. 50. Er fängt seinen eigenen müden Blick ein. 40. Seine Augen scheinen
grau verschleiert zu sein, von dunklen Schatten unterlegt, seine Wangen hängen
schlaf an seinem knochigen Gesicht, das schüttere Haar lugt unordentlich unter
seiner schräg sitzenden Mütze hervor. 20. Ist das wirklich er? Kann es sein,
dass er in dieser kurzen Zeit so sehr gealtert ist? In vier Jahren? Vier? Vier.
10. Max rückt seine Mütze wieder zurecht, doch das ändert auch nichts an seinem
erbärmlichen Anblick. Und seinen Schnurrbart sollte er wirklich – „Pardon!“, ruft
ein junger Mann, schubst Max wie eine lästige Fliege aus dem Weg und stürzt die
Treppe hinab Richtung Ausgang des nun stillstehenden Zuges, doch Max winkt nur
ab, froh darüber, aus dem tranceartigen Zustand, der ihn immer in diese tiefe
Melancholie abgleiten lässt, aufgeweckt worden sein. In Scharen stürzen nun Menschen
in den Waggon, Geschäftsmänner, die für die nächsten Tage ihre Familie
besuchen, Ehepärchen, schwer bepackt in Erinnerungen an die Karibikkreuzfahrt
schwelgend, eine ganze Schar Hinterwäldler in weiss gekreuztem Rot, die ein aufgetakeltes
Mädchen abgeholt haben, das, seinem Shirt– I „Herzchen“ NY – nach, wohl eben von einem Au-Pair-Jahr oder ähnlichem
in den USA heimgekehrt ist, einige Japaner, die wild herumschnattern und eine
Schweizerkarte zu entziffern versuchen. Zu viele Menschen in diesem Wagen,
denkt Max, und flüchtet in den nächsten. Erste Schiebetür auf, einige Schritte,
abwesendes Lächeln an einen Kollegen, der seinen Weg ein Kioskwägelchen
schiebend kreuzt, zweite Schiebetüre auf und hindurch, Luft schnappen. Armes
Schwein, der Kioskwägelchenschieber. Aber immerhin hat er etwas, mit dem er
nervende Kleinkinder, die nicht auf ihren Plätzen sitzen bleiben wollen aus dem
Weg pflügen kann.
„Nächster Halt-“, hört Max seine eigene Stimme orgeln, doch als er erkennt, das
dies ein Wagen der ersten Klasse ist, räuspert er sich, zieht seine Mütze tiefer
ins Gesicht, wünscht den Passagieren eine gute Weiterfahrt und spurtet zur
nächsten Schiebetüre. Für diese Snobs der ersten Klasse hat er keine Nerven,
sie können ihm heute gestohlen bleiben. Traut sich eh kein Schwarzfahrer in so
einen weich gepolsterten und extra breiten Luxussitz, die Kontrolle ist also
überflüssig, redet sich Max ein. In Wirklichkeit kann er diese Leute einfach
nicht ausstehen, die Damen und Herren der Oberschicht, die Noblesse, Kronträger
des verschleimten Kapitalismus,die
verdammte Bourgeoisie in ihren Armanianzügen und Pradakleidern. Natürlich, es
gibt auch ausstehbare normalbürgerliche Fahrer der ersten Klasse, und der
doppelte Preis, den sie für dieselbe Strecke zahlen, trägt erheblich zu seinem eigenen
Lohn bei. Aber er konnte es noch nie verstehen, wieso jemand überhaupt so viel
zahlt und ohne schlechtes Gewissen in beinahe unendlichem Platz schwelgt,
während es in der zweiten Klasse wie in einer Hühnerzuchtanlage, die garantiert
nicht vom Tierschutzverein zugelassen werden würde, zu und her geht. Wir sind
schon beinahe wie die Inder mit ihrem Kastensystem, denkt Max, oder wie die Südafrikaner zu Zeiten der
Apartheid. Naja, fast. Tief in seinem Herzen ist er halt doch irgendwie
Anhänger des guten alten Kommunismus, der liebe Max.
Der nächste Wagen ist der Speisewagen, jedoch ist er wie leer gefegt, für diese
Mittagszeit ziemlich ungewöhnlich. Wahrscheinlich wollen sich die Leute jetzt
nicht vollfressen, wo sie doch wissen, dass für heute Abend fette Gans,
Lebkuchen und Glühwein auf sie warten. Max grüsst seine gelangweilten Kollegen,
zieht seine Mütze wie zu alten Zeiten und läuft dann schnurstracks zum nächsten
Wagen, um ja nicht in irgendwelche belanglose Gespräche mit seinen Kollegen
verwickelt zu werden.
Treppe hoch, zweite Klasse. Komische Anordnung der Waggons, denkt er. Ein
überfüllter Wagen mit Normalsterblichen. Langsam pflügt sich Max durch den Gang,
nimmt Fahrkarten entgegen, sagt zur Abwechslung manchmal „Danke“ anstatt „Merci“
und fragt sich bei jedem einzelnen Gesicht, das ihn mit grossen Augen anblickt,
welche Geschichte sich in ihnen versteckt. Woher sie kommen, wohin sie gehen. Und
wieso. Was sie da lesen. An was sie denken. Oder an wen. Was sie gestern
gemacht haben, was sie morgen machen wollen. Welche Pläne sie für heute haben.
Ob er sie jemals wieder sehen wird.
Und die gleichen Fragen stellt er sich selber. Woher kommt er, wohin geht er?
Und wieso? Er sieht jeden Tag die ganze Schweiz, fällt ihm in diesem Moment
auf. Die ganze Schweiz, von St. Gallen über Zürich bis nach Genf, von Chur über
Luzern bis runter nach Bellinzona. Und er sieht jeden Tag Schweizer aus allen
möglichen Orten dieses Landes, aus jedem erdenklichen Kaff. Nur sie sieht er
nicht. Aber daran will er nicht denken, nicht heute, obwohl der Gedanke unausweichlich
ist, vier Jahre, vier lange Jahre. Er weiss schon, wieso er an diesen Tagen
arbeitet, an diesen Tagen, an denen jeder noch so businessbesessene
Geschäftsmann nur über seine Leiche nicht bei seiner Familie bleibt, bei seinen
lieblichen Kindern und seiner wunderschönen Frau. Und seiner wunderschönen
Frau. Vier Jahre. Auf den Tag genau. Vier.
Tränen sammeln sich in seinen Augen, verschleiern seine Sicht, die ersten
seilen sich an seinen Wimpern ab und rollen seine eingefallenen Wangen
hinunter. Er wollte doch nicht daran denken, nicht heute, nicht hier, nicht vor
so vielen fröhlich gestimmten Menschen. Ärgerlich wischt er mit dem Ärmel über
sein Gesicht und läuft mit gesenktem Blick zur nächsten Schiebetüre, schlüpft
durch sie und schliesst sie hinter sich. Max erklimmt die Treppe, blickt auf
seine Armbanduhr. Acht Uhr morgens. Seine Schicht hat gerade erst angefangen. Schweissperlen
rinnen seine Stirn hinab, verzweifelt versucht er, seine Fliege zu lockern, die
Luft hier oben ist dünn, zu dünn, er hechelt, er hechelt nach Sauerstoff. Noch
zwölf Stunden. Seine zitternde Hand tastet die Brusttasche seiner
Arbeitsuniform ab, doch er findet die Tabletten nicht, dabei ist er sich
sicher, sie heute Morgen eingepackt zu haben. Er muss seine Tabletten nehmen,
er muss, er muss. Zitternd zieht sich Max die nächste Treppe hinauf und stürzt
zur Zugtüre. Vier Jahre. Der Zug öffnet seinen Rachen und speit ihn aus. Max
landet auf dem kalten Bahnhofsperron, seine Mütze segelt die Gleise hinab. Mit
einem fröhlichen Pfeifen verabschiedet sich der Zug und tuckert davon, die
Räder quietschen, in Max‘ Ohren tönt es so, als riefen sie ihm neckisch „Frohe
Weihnachten“ nach. Er rappelt sich auf, will sich orientieren, blickt
verzweifelt umher, doch dicke Nebelschwaden wabern durch die Lüfte und Max
erkennt seine eigene Hand vor den Augen nicht mehr. Die Nacht bricht ein und
mit ihr die Kälte. Max‘ Finger werden klamm, ehe sie ganz einfrieren, auf
seiner Nase wachsen Eiszapfen in rasender Schnelle. Max taumelt den Perron
entlang, bestimmt ist er in Küsnacht gelandet, nur will ihm das keine
Menschenseele verraten, denn der Bahnhof ist wie leergepustet. Aber er muss
nach Hause! Sie hat doch Schweinsplätzchen mit Kartoffeln gekocht, sein
Leibgericht, und dazu Kräuterquark und zum Nachtisch ihr berüchtigtes Kirschkompott
mit heisser Vanillesauce, so wie jedes Jahr, und dann singen sie und zünden die
Kerzen des Baumes an und dann schauen sie sich einen Agatha Christie Film an,
Mord im Orientexpress, haha, Mord in einem Zug, sehr aufmunternd, haha, dass er
auch ja keine Albträume bekommt, in einem Zug, da arbeitet er ja, haha, und oh,
die Blumen, natürlich, er wollte ihr doch noch Blumen mitbringen, sie liebt
Blumen, sie sind wunderschön, so wie sie, wunderschön, er bringt ihr –Wumm! Max
fliegt zu Boden, seine Wange brennt wie Feuer. Irgendein Saukerl hat ihm eine
geschmiert, denkt er, doch dann realisiert er, dass sich seine Vernunft soeben
selbst geohrfeigt hat. Vier Jahre, lieber Max, vier Jahre schon. Reiss dich
zusammen! Steh auf und lauf zum Bahnhofsschalter, die sagen dir schon, was du
machen musst, um nach Hause zu kommen. Und dort nimmst du dann als allererstes
deine Tabletten, alter Spinner!
Mühselig rappelt sich Max auf, klopft den Dreck von seiner Hose, bricht die
Eiszapfen von seiner Nase und wirft sie zu Boden. Klirrend rollen sie den
Perron entlang, bevor sie zum Stehen kommen. Eiszapfen. Die perfekte Mordwaffe,
hat sie immer gesagt. Wie vor vier Jahren. Die perfekte Mordwaffe. Sie lösen
sich einfach in unschuldiges Wasser auf. Eiszapfen. Und sie hat nicht einmal
geschrien. So schnell war sie kalt. Haha, kalt, kalt wie der Eiszapfen selbst.
Und rot. Wunderschön rot. Alles rot, alles, auch das blonde Haar, rot. Und sie
hat ausgesehen wie der allerschönste Engel. Vier Jahre. Und der See hinter
ihrem Haus ist tief, so tief, dass er gar keinen Grund hat. Perfekt um eine
Leiche zu versenken, hat sie immer gesagt, haha, perfekt. Und niemand weiss wie
perfekt, haha, niemand, gar niemand. Max schüttelt seinen Kopf und dann
schüttelt er ihn nochmal und dann nochmal, bis alle Stimmen, alle Erinnerungen
aus seinem Gedächtnis gepurzelt sind, er atmet tief ein, tief aus, tief ein und
dann wieder aus und wieder ein und wieder aus. Ein und aus. So. Und jetzt zum
Schalter. Geht Beine, geht zum Schalter. Alles wird gut. Nach Hause. Und dann
die Tabletten. Doppelte Portion. Alles wird gut. Die Nebelschwaden verziehen
sich langsam, gewähren dem Licht der Nachmittagssonne Zugang zum Erdboden. Da!
Was ist das? Da unten, auf den Gleisen, da ist doch was! Es glitzert und glänzt
da, da ist was! Max kneift seine alten Augen zusammen. Das ist doch … ein
Weihnachtsstern! Blumen! Rote Blätter, mit silbernem Glitter bestäubt. Wunderschön.
Er bringt ihr jedes Jahr Blumen mit, jedes einzelne Jahr. Auch vor vier Jahren.
Hastig klettert er den Bahnsteig hinab, verheddert sich mit seinem Fuss, fällt
zu Boden, auf die Gleise. Schnell rappelt sich Max auf, greift nach den Blumen
im Übertopf. Die Blätter sind so schön, so rot, blutrot. Max umarmt den
Blumentopf, versenkt sein Gesicht in den duftenden Blättern, er dreht sich im
Kreis, immer wilder, immer schneller und die Blütenblätter wandeln sich in rote
Fäden, in rotes Haar, rotes, nasses Haar, das schlaff dem bleichen Gesicht
hinabhängt, dem bleichen Gesicht mit den geschlossenen Augen und dem
blutverschmiertem Mund, an das Gesicht wachsen Hals und Arme, Rumpf und Beine,
in einem leichten Kleid, weiss wie Schnee mit roten Flecken, ganz schlaff hängt
sie in seinen Armen, schlaff und leblos, doch ihre Lippen sind so voll wie eh
und je, so sinnlich geschwungen, so blutrot und weich, und er küsst sie, die
Lippen, die er liebt, küsst sie voller Leidenschaft, sie fühlen sich weich an,
weich und vertraut und kalt, und er dreht sich immer noch im Kreis, immer
weiter im Kreis, ihr schlaffer Körper wirbelt um ihn, ihr schneeweisses Kleid flattert
im wilden Tanz und er küsst ihre Lippen und kommt nicht mehr los von ihr, denn
er liebt sie und sie ist gegangen, vor vier Jahren, sie ist gegangen und er
wird sie nie wieder haben, sie ist gegangen, und ihre Lippen sind so weich, so weich.
Zwei Augen beobachten ihn, zwei gleissend helle Augen, sie beobachten ihn von
der Ferne, wie er tanzt, wie er mitten auf den Gleisen tanzt, ohne nichts, nur
er, und die Augen nähern sich ihm, rasen direkt auf ihn zu, sie sind schnell,
unheimlich schnell, zu schnell, und ohne zu blinzeln, erfassen sie Max, sein
Körper schleudert durch die Luft, fünf, sechs Meter, bevor er auf die Schiene
aufschlägt und sogleich vom gefrässigen Maul des Zuges verschlungen wird. Max
dreht sich und dreht sich unter den Rädern, doch er spürt keinen Schmerz, denn
in seinen Armen hält er immer noch sie, und alles rot entschwindet aus ihrem
Haar, aus ihrem Kleid, von ihrer Haut und so hält er sie nun in seinen
zertrümmerten Armen, ein blonder Engel in schneeweissem Kleid, makellose Haut,
rosa Wangen, rote, zarte Lippen, umspielt von einem sanften Lächeln. Ihre Lider
zucken, langsam öffnet sie ihre Augen und sie leuchten seine an, so wie das
Flackern zweier flammender Kerzen.
Und er sieht sie wieder.
… Yeah, she loves you Leon, yeah, she loves
you Leon Leon
Yeah, she loves you Leon, yeah, she loves you Leon Leon
…
Sie liebt dieses Lied, hört es rauf und runter, den ganzen
lieben langen Tag, die ganze dunkle, düstere Nacht. Sie sitzt still da und lässt
es in ihre klangsüchtigen Ohren rauschen. Sie tanzt in ihrem Zimmer. Sie tanzt
draussen in der Dunkelheit, sie tanzt, wenn es regnet, wenn es schneit. Die
Lyrics hämmern sich in ihren Schädel, verfolgen sie in ihren Träumen. Sie hört
nichts anderes mehr. Denn sie liebt ihn. Und er weiss es nicht.
Sie mag die Art, wie er dasteht. Einfach so, ganz unkompliziert. Er macht sich
keine Gedanken darüber, ob seine Jacke sitzt oder seine Frisur stimmt,
zumindest scheint es so, als wären ihm diese Dinge, auf die alle anderen Wert
legen, egal. Er redet nicht viel. Doch er weiss genau, was er zu erzählen hat,
diese gewissen Dinge. Nur schreibt er sie auf. Aussprechen tut er sie nie. Die
Ohren, die auf seine Worte stiessen, würden sie nicht gebührend schätzen,
dessen ist er sich sicher. Doch die Augen, die seine Zeilen aufsaugen, die
wissen, was er sagen will. Und darum ist das gut so mit dem Schreiben. Er sagt
nie was.
Morgens sitzt er schon im Bus, wenn sie einsteigt. Der Platz
neben ihm ist immer frei. Sie könnte sich neben ihn setzen. Ihm ein nettes
Lächeln schenken. Sich bei ihm vorstellen. Ihn irgendetwas fragen. Hauptsache seine
Stimme zum Ertönen bringen und ihrem fremden Klang lauschen. Ihn Dinge fragen,
ihm zuhören, seine Worte aufsaugen, in seine Welt versinken. Sie ist sich
sicher, dass er die Welt auf wundersamer Weise sieht. Auf magischer Weise. Sie
würde ihn dazu bringen, ihr seine imaginäre Brille aufzusetzen, um die Welt durch
seine Augen zu sehen, besser zu verstehen, jede Busfahrt, jeden Tag ein
Stückchen mehr. Wenn sie sich neben ihn setzen würde. Aber sie tut es nicht.
Denn sie weiss nicht, was er denkt. Sie weiss nicht, was er will. Aber sie
weiss, dass er nicht mit anderen Menschen redet. Vielleicht, weil er sich nicht
traut. Vielleicht, weil er nicht weiss, was er sagen soll. Vielleicht, weil er
mit Menschen nicht umgehen kann. Vielleicht aber auch, weil er sich einfach zu
schade dafür ist. Wahrscheinlich ist er ein arrogantes Arschloch. Doch das wird
sie nie erfahren. Denn sie kann den Mut nicht aufbringen, ihren Hintern zu ihm
zu schwingen. Sie hat Angst vor seiner Abweisung, die alle ihre Träumereien in
sekundenschnelle in Schutt und Asche legen würde. Aber eben. Wahrscheinlich ist
er ein arrogantes Arschloch. Und trotzdem, oder vielleicht genau deswegen zieht
er ihr Interesse auf unangenehmer, unterschwellig aufdringlicher Weise an. Sie
mag Geheimnisse. Er bewahrt viele von ihnen in seinem Geiste. Sie ist
fasziniert von ihnen. Und will sie alle lüften. Doch sie kann ihre Angst davor,
dass das Feuer in seinen Augen nicht für sie brennt, nicht überwinden. Jede
Nacht weint sie ihrem fehlenden Mut nach, ihrem verlorenen Vertrauen in die
Welt, das sich vor Jahren verdünnisiert hat und sie verflucht ihre
Schüchternheit, ihre verdammte Schüchternheit.
Anderen mag er kaum auffallen. Und niemand fällt ihm auf. Nur ihr, ihr schenkt
er es manchmal, ganz selten, diesen einen Blick, wissend, was ihr sehnlichster
Wunsch ist, wissend, was sie denkt, was sie fühlt, diesen Blick, und das
Zwinkern, das brennt, brennt wie Feuer. Und dieses Feuer, dieses kurze,
elektrisierende Gefühl, es reicht aus.
Es sind starke Worte, sie weiss es. Doch es ist so. Und darum benutzt sie sie.
Sie liebt ihn.
Und er weiss es nicht. Er wird es nie wissen. Denn er ist gesprungen. Vor einem
Jahr. Und seit dem tanzt sie.
… She loves you Leon
She loves you Leon
Sie liebt dich Leon.
Sie liebt dich.
Leo.
…
Braunes Haar und scheuer Blick
Sie dreht ihre Pirouetten, unaufhörlich, immer im Kreis
Ihr rosa Kleidchen schwingt sanft um die dünnen Beinchen Dein Porzellanteint strahlt, Annie, du glühst,
du brennst. Schneeflocken rieseln auf ihre Wangen, verdunsten zischend
Sie dreht sich, kichert, die Rehaugen blitzen
Immer schneller, immer schneller Zu schnell, Annie, du bist zu schnell. Sie ist gefangen, allein, nur sie in ihrem Käfig
Doch sie dreht sich und dreht sich, immer im Kreis Die Glaskuppel über ihr durchzieht sich mit einem feinen Netz Er zerspringt, dein Käfig, pass auf, Annie,
er zerspringt. Tausend Glassplitter fliegen glitzernd durch die Lüfte
Sie fällt und fällt, die Augen starr vor Schreck
Sie landet Ich hab dich, Annie, ich hab dich gefangen. Und die kleine Annie stirbt in meiner Hand.
Die weissen Wände zogen in berauschender Eile an mir vorbei,
der einzigen Fixpunkt, an dem sich meine benebelten Augen in diesem stürmischen
Strudel aufhängen konnten und der mich so vom Wegdösen bewahrte, waren zwei nussbraune
Augen, die auf den Meinigen ruhten. Das Grinsen um meine Mundwinkel liess
langsam nach, auch wenn ich dieses wirre orange Bild, das vorhin eben noch im
Zimmer hing, immer noch äusserst amüsant fand, wie es beinahe beängstigend schnell
auf mich zugesprungen kam und meine Sinne mit seinem verrückt tanzenden
orange-blauen Farbwirrwarr verwirbelte. Ebenso wenig vergass ich das entrüstete
Lächeln der Krankenschwester, die mir in beinahe panischer Gutgläubigkeit beigebracht
hatte, wie berauschend schnell dieses Beruhigungsmittel seine drogenähnliche
Wirkung entfalten und meinen Verstand verwirren würde. Stimmen sprachen mir
beruhigend zu, ich solle mich zur Seite wenden, und schon flog ich, getragen
von sanften Händen mit tausenden spitzen Fingern, die sich in meine nackte Haut
bohrten und klaffende Wunden hinterliessen, von denen weder Blut noch Schmerz
ausging. Kichernd rollte ich mich wie ein ungeborener Embryo zu einem Kringel
und kuschelte mich in meine neue Trage. Mein Blick verschwamm, schwach erkannte
ich die Kanüle, die mir am Handrücken angebracht wurde, und folgte der Hand,
die noch an dieser fuhrwerkte, in der Hoffnung, irgendwo die altbekannten himmelblauen
Augen, die ich hinter diesen geschickten Fingern vermutete, zu finden. Doch das
einzige, was ich noch sah, verschwamm vor meinen Augen, tausend dämlich
grinsende Fratzen, die nach mir griffen und in verrückter Hysterie wieherten. Ich
war mir sicher, sie lachten mich aus.
„Bald schläfst du, bald ist alles vorbei“, hörte ich von der Ferne eine feine
Stimme wispern, wie aus einem billigen Drehbuch abgelesen.
Mein Blick schwand in die Endlosigkeit. Eine dieser unzähligen, laut kichernden
Fratzen drückte mir wie zum Spass die fiesen spitzen Stacheln der Elektroden…
tief in Schultern und Brust und schüttelte meinen halbtauben Körper. Erzürnt
wehrte sich mein Verstand gegen diesen brennenden Schmerz, doch mein Körper war
bereits nicht mehr stark genug, sich gegen die fremden Hände sträuben. Langsam
entglitt ich in die Welt des künstlichen, sonnendurchfluteten Schlafs, der mir
die wahnwitzigsten Träume schenkte, welche ich sogleich wieder vergass, als
wären sie nie in meine Fantasien gesickert. Ich wusste, wenn ich aufwachte,
wäre ich gereinigt. Gereinigt von all dem Schlechten und all dem Bösen, von den
Jahren, die mein gedrungenes Rückgrat zu tragen hatte, von der Verdorbenheit,
die meine Augen aufgesogen hatten, von dem Schmerz, der meine Haut zerkratzte
und mein Herz zerriss, immer wieder, ohne Ende. Gereinigt von all dem Schwarz,
das sich in das unschuldige Weiss einer jeden neugeborenen Seele mischt und
nichts als ein verkrüppeltes Gemüt in dämmerigem Grau zurücklässt, bis sie
schliesslich verkümmert und vermodert, gezeichnet vom Leben, das gierig alle
Energie und Kraft aus ihm saugt. Wenn ich aufwache, hätte ich Flügel. Alles
Übel vergessen, bereit für einen neuen Anfang.
Mit diesen Gedanken schweifte ich vollends von dannen.
-
Sanft drangen Stimmen in mein Bewusstsein. Ein schlechtes Gefühl kroch meine
Kehle hinauf und endete in einem erstickten Schrei. Panisch warf ich mich in
meinem Bett hin und her, verhedderte mich in den Schläuchen, die aus meinen Armen quollen. Ich
zwang verzweifelt meine Lider, mir Sicht zu schenken und fing die Blicke
tausend stechender Augen.
„Wach auf, kleiner Engel“, sagten zwei von ihnen. „Und rette die Welt.“
Ich breitete mein schwachen Arme aus, wanderte ihnen mit scheuem Blick entlang
zu meinen zarten Fingerspitzen, die mit den hellen Sonnenstrahlen, die in das
kleine Fenster fielen, spielten,und
wieder zurück, und sogleich wuchsen aus ihnen kräftige, schneeweisse Federn,
durchbrachen meine Haut und wandelten meine menschlichen Arme inschwanenähnliche Flügel. Eine Träne entrann
meinem Auge und mit ein, zwei kräftigen Schlägen trugen mich meine
Engelsschwingen aus diesem Fenster hinaus, nach oben, immer weiter gen Himmel.
Sie treffen sich jede Woche am Weiher, jeden Donnerstag um
fünf Uhr, ohne dies jemals abgesprochen zu haben. Auf jeden Fall kann sich
keiner von ihnen an eine Vereinbarung dieses Zeitpunkts erinnern. Sie finden einfach
zu sich. Jeden Donnerstag um fünf Uhr, bevor die Kälte mit ihren klammen
Krallen nach ihnen greift und die Sonne ihre grosse schwarze Decke über den
Horizont wirft, um sich schlafen zu legen. Jeden Donnerstag um fünf. Am Weiher.
„Hast du die vielen Kräne gesehen? Die ganze Stadt ist voll von ihnen.“
„Wir sind im Umbau, das ganze System wird umgerümpelt, denn es hat sich nicht
bewährt. Die Welt fällt auseinander.“
„Wie meinst du das?“
„Sie wollen es sich nur nicht eingestehen! Sie wollen es nur vertuschen, die
ganzen Risse irgendwie wieder zusammenbasteln, aber das klappt nicht! Wenn ein
Teil reisst, nur das allerkleinste Teilchen, dann kracht alles zusammen, weisst
du?“
„Was du redest. Man könnte meinen, du wirst wieder verrückt.“
„Verrückt? Wieso sollte ich verrückt werden? Ich sehe einfach genau hin, da ist
nichts Verrücktes dabei. Jede Nacht, wenn ich umherwandere, sehe ich es.“
„Was siehst du?“
„Chaos. Unruhe. Eine kaputte Gesellschaft, die sich an ihren eigenen Lügen labt
und sich vormacht, gesund zu sein.“
„Nachts schlafen die Menschen.“
„Ihre Körper. Wenn sie nicht eine Nachtschicht einlegen müssen. Doch ihre
Geister liegen wach in den Betten und schreien nach Erlösung, nach nichts als
Erlösung.“
„Nimmst du noch deine Antidepressiva?“
„Es macht, dass ich überall smileykotzende Menschen sehe, sie verzehren die
Realität und tauchen mich in eine dumpfe Traumwolke, die mir eine süsse Welt
vorgaukelt.“
„Nimmst du sie noch?“
„Wieso sollte ich?“
„Du weinst.“
„Ich weine dem Ende der Welt entgegen. Aber es geht mir gut, danke.“
„Du würdest nicht weinen, wenn es dir gut ginge.“
„Diese Tränen verursachen keine Schmerzen in meinem Herzen. Es sind wahre
Tränen. Nicht ich bin der, der nicht weinen sollte. Du bist es, der die Sache
falsch sieht. Ihr alle seht es falsch, ihr wiegt euch in dieser Welt aus
aufgeblasenen Lügen. Alle Augen der Menschheit müssten tränenverhängen in den
Tag hineinleben. Die Welt bricht auseinander. Was will man da anderes tun als
zu weinen?“
„Kann es sein, dass du zu wenig schläfst? Hast du Stress? Wahnvorstellungen?“
„Ha! Wahnvorstellungen! Gib doch zu, dass es dir genauso geht wie mir, wirf
deine Maske zu Boden und zeig mir dein wahres Gesicht.“
„Mit Verlaub, es tut mir Leid, aber ich kann dir beim besten Willen nicht
folgen. Was ist aus dir nur geworden?“
„Du bist nicht besser als der Rest von ihnen, ihr seht es alle einfach nicht! Die
Gesellschaft verspeist uns bei lebendigem Leib! Lebt ihr nur weiter so, doch
ich gehe.“
Mit einem Satz springt er in die grünen Tiefen des Teiches,
das Wasser schliesst sich über seinem Körper und spuckt ihn erst wieder aus,
als dieser nur noch reglos auf dem Bauch zu treiben vermag. Sein Freund
schüttelt den Kopf über seinen toten Freund, er weiss, dass ihm ein normales
Leben so oder so nicht mehr gewährt gewesen wäre. Er war ein hoffnungsloser
Fall, verloren in seiner verrückten Hysterie.
Als er sich umdrehen will, um nach Hause zu trotten und sich in seine Arbeit zu
stürzen, die seine Hauswände beinahe zu Einstürzen bringt, fällt er in den
zerklüfteten Abgrund, der die eben noch intakte Erde durchzogen hat. Wenig
später fällt sowieso alles in diesen hinein; Die Welt ward von da an nie wieder
gesehen, den sie zerbrach, zerbrach an all dem Schlechten, all der
Hoffnungslosigkeit, aber vor allem an ihrer himmelstraurigen Blindheit, die es
ihr verwehrte, das wahre, teils selbstverschuldete Leid ihrer pseudoglücklichen,
in Wert und Norm eingequetschten und doch so sehnlichst nach Freiheit
strebenden Bewohner zu erkennen.
"Warum ich weine? Ich weine um die Welt, besser kann ich es dir nicht erklären. ich will die Welt verstehen, ich will, dass die Dinge beieinander bleiben, doch sie tun es nicht. Alles fällt auseinander und ich kann nichts dagegen unternehmen." -Jens Steiner, Carambole
"When we got out of the tunnel, Sam screamed this really funny scream, and there it was. Downtown. Lights on buildings and everything that makes youwonder. Sam sat down and started laughing. Patrick started laughing. I started laughing. And in that moment, I swear we were infinite."
-Stephen Chbosky, The perks of being a wallflower
"I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, (...) angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night, (...) who wandered around and around at midnight in the railroad yard wondering where to go, and went, leaving no broken hearts, (...) returning years later truly bald except for a wig of blood, and tears and fingers, to the visible madman doom of the wards of the madtown of the East."
-Allen Ginsberg, Howl
"Die Poesie heilt die Wunden, die der Verstand schlägt." -Novalis
-Mein Verstand ist die meiste Zeit des Tages wach und das tut mir aufrichtig
Leid. Denn dieser Wachzustand regt ihn an, sich Gedanken über alles Mögliche zu
machen, die ganze Welt manchmal, manchmal auch nur über den Sinn und Zweck der
Schnurhaare einer Ratte. Und meistens über Dinge, die niemanden interessieren.
Darum tut mir das auch so Leid, das mit dem Wachsein. Denn so muss ich
unschuldige Seelen, die sich in den unergründlichen Weiten des Internets weiss
der Geier wie auf dieser Seite verirrt haben, mit diesen unnötigen, nicht
wirklich logisch nachvollziehbaren und ganz und gar nicht nutzvollen oder
weiterhelfenden Gedanken beim Führen ihres eigenen Leben aufzuhalten. Aber
irgendwann muss das alles raus. A lot of thoughts cross my mind. Und hier sind
sie. Lasst die Gedankenspiele beginnen.-
Ich
stecke in einer Identitätskrise. In einer ganz tiefen. Wirklich. Und diese habe
ich, neben einigen anderen hier irrelevanten Faktoren, hauptsächlich zweier
biologischer Vorkommnisse des menschlichen Körpers zu verdanken, und ja, wer
Titel aufmerksam liest, wird nicht lange raten müssen, um zu erkennen, dass die
beiden Launenvermieser niemand anderes als diese Sippschaft willkürlich
angeordneter Fäden auf beinahe jedermanns Kopf sowie zehn merkwürdige
fingerspitzenüberwuchende ovale Platten sind, einfachheitshalber Haare und
Nägel genannt. Also. Fangen wir mit den Haaren an.
Eins.
Meine Haare stürzen meine zerbrechliche Seele in den Ruin. Es geht gar nicht um
die Länge, die ist ganz okay, auch nicht um die Beschaffenheit, obwohl ich
zugeben muss, dass es mir meine Haare leichter machen würden, wären sie einfach
glatt ODER gelockt. Und nicht so eine Wirrwarrmischung irgendwo mittendrin. Es geht auch nicht um die äusserst ausgeprägte Abbrechstimmung meiner Haare. Spliss ist wohl der grösste natürliche Feind eines jeden Langhaarträgers. Aber
naja. Um das geht es hier wirklich nicht. Ich rede von der Farbe. Auf der Welt gibt es Menschen mit blonden Haaren,
Menschen mit braunen Haaren und Menschen mit schwarzen Haaren. Und dann gibt es
da mich. Schwarz ist meine Mähne bestimmt nicht, aber eben auch nicht blond
oder braun. Sondern irgendwas dazwischen. Ein merkwürdiges hellbraundunkelblond.
Mit einzelnen schwarzen Haarsträhnen. Und orangen. Total unidentified. Und gar
nicht awesome. Manchmal fühle ich mich wie eine Blondine, an anderen Tagen wie
eine echte Brünette, aber im Hinterkopf schwirrt immer das Wissen, dass ich in
Wirklichkeit gar nichts von beidem bin. Das verwirrt meinen Verstand und
verunsichert meine Psyche, die doch in diesen wichtigen Jahren des
Heranwachsens möglichst ohne Probleme ihr Ich hegen und pflegen, ihre wahre
Identität finden sollte. Ich konnte meinen Haaren also nicht länger gewähren,
mich mit diesen Psychospielchen zu terrorisieren und griff zu drastischen
Massnahmen. So ritt ich auf meinem rotweissen Zauberzebra (Ob es wohl aufgrund
seiner leicht verwirrten Farbgebung ebenfalls unter Minderwertigkeitskomplexen
leidet?)zum Supermarkt und schnappte mir eine Farbe, die versprach, meine
Haarpracht in ein reines, strahlendes Blond zu verwandeln, und dies unwiderruflich
(Die andere Alternative, schwarz, schien mir etwas unangebracht, da ich so als
depressiver Emo gelten würde, wenn ich nicht
ununterbrochen jeden Tag zu jeder Stunde mit einem dämlichen, wenn nicht gar leicht
verblödetem Grinsen in der Visage umherwuseln würde).
„Abr dänn gsesch jo us wiä ä Barbie!“, hörte ich entsetzt von überzeugten
Anti-Blondinen. Na und? Vielleicht bin ich ja tief im Herzen eine Barbie? Nun
ja. Als ich nach eigenhändigem Färben, Einwirken und mühsamen Auswaschen sowie
Föhnen meine Mähne im Spiegel betrachtete, dachte ich nur eins: Oh shit. Es
gibt ja auch Menschen mit roten Haaren. Die hab ich ganz vergessen. Und aus
Rache, ihre Existenz wohl noch nie wirklich wahrgenommen zu haben, haben sie
mich dazu verdonnert, nun auch zu ihnen zu gehören. Jeah! Was von dieser Aktion
übrigbleibt, ist das Gefühl der absoluten Desillusion jenseits des niedrigsten
Nullpunkt, den die Welt je gesehen hat. Doch wo wir schon bei dieser Farbe
sind.
Zwei.
Nägel. Also Fingernägel. Sie sind merkwürdig. Wenn ich sie anschaue, frage ich
mich, woraus eigentlich ihr Sinn besteht. Ich stelle mir vor, wie eine Hand
wohl ohne diese Dinger aussehen würde. Sehr merkwürdig. Oder welchen Anblick
erst ein Fuss ohne diese zehn Prachtstücke bieten würde. Vor allem aber könnte
ich all den nervenden Besserwissern dieser Welt die Augen nicht mehr auskratzen,
wenn auch nur in meinen Fantasien, sondern höchstens ausstechen. Aber das tönt
nicht so schön rabiat. Doch wieso malen wir überhaupt unsere Nägel an? Nägel sind
doch irgendwie der Spiegel unserer Psyche. Meine sind immer rot. Also rot
lackiert versteht sich. Ich hab schon ganz vergessen, wie meine Nägel nature,
so ganz nackt, aussehen. Wie kann ich da wissen, wer ich wirklich bin? Ich
weiss nicht ganz, was das zu bedeuten hat. Denn eigentlich mag ich rot gar
nicht so besonders. Und nun hab ich diese Farbe in den Haaren. Halleluja. Rot
scheint wohl der Ursprung all dieser Verwirrung zu sein, in der sich mein
Verstand zurzeit wiegt. Aber wie gesagt, eigentlich ist das merkwürdig, die
ganze Sache um Nagellack und Co. Nagelfeilen. Nagelscheren. Unterlack,
Überlack. Lack, der mit irgendwelchen magischen Kräften, genannt Magnetismus,
lustige Muster malt. Gelnägel. Nageltatoos. Mein Gott, sogar
Nagelpiercings. Ein ganzes
Nagelkonsumimperium regiert die Schönheitsbranche und zieht uns unbewusst die
Fäden hinter den Kulissen unserer so leicht manipulierbaren Geister. Aber laut
diversesten Quellen gilt der zweite Blick eines Menschen immer den Händen, die
natürlich topgepflegt und frisch maniküriert sein sollten, um einen guten
Eindruck zu hinterlassen. Als wäre es nicht natürlich, dass Nägel abbrechen,
Dreck unter sich sammeln wie Weltmeister und Nagelhäute zum schmerzhaften Einreissen bringen. Und so alles in einem
Blutbad hinterlassen, von dem man meint, die ganze Sauerei stamme aus den
Hinterlassenschaften eines trojanischen Krieges. Kein Wunder male ich meine
immer rot an. In ihnen schlummert ein blutrünstiges Wesen, das mein
allwissendes Ich, von dem ich selbst allerdings nicht wirklich viel weiss, mit der Farbe meines
Nagellackes besänftigen will. Vielleicht passen rote Nägel auch einfach nur
zu allem. Vor allem zu den frisch gefärbten roten Haaren. Aber egal. Fertig mit rot. Hauptsache, wir
sehen immer toll geschniegelt und gestriegelt aus. Es lebe die Oberflächlichkeit!
Da lohnt es sich echt, sich Gedanken drüber zu machen.
Fazit:
Diese Horngebilde, totes, gefühlsloses Material, sind es eindeutig wert, in
eine richtig, RICHTIG tiefe Identitätskrise zu fallen. Auf jeden Fall. Ohne
Wiederrede. Pssst da unten, ohne Wiederrede sagte ich.
Zwei
Typen, mit denen ich mich wirklich verbunden fühle. Sie sind so - nachdenklich. Vor allem ihr Song, in dem sie über die wichtigste Frage im Leben philosophieren. Natürlich geht es um Haare (Does your hair go up, or does it go down? - Das nenn ich mal richtig philosophisch). Wie beruhigend, dass ich da nicht die Einzige bin.
Sie
geht aus, weil sie auf der Suche ist. Sie ist auf der Suche nach anderen
Poeten, die nachts vor ihre Türen treten, um die Sterne zu zählen und in den
Gesichtern der tanzenden Menschenmasse neue Charaktere für ihre Geschichten zu
finden. Sie sucht nach ihren Artgenossen, die die Schönheit der Welt mit
denselben Augen wie sie bewundern, die rastlos nach Worten suchen, um diese zu
beschreiben, nach Worten, die ihr diese Welt erklären können.
Sie wird immer angeschaut, egal wo sie ist, sie glaubt, es ist wegen ihrer
Ausstrahlung.
Menschen beobachten sie aufmerksam, wenn sie mit ihr reden, so, als hätten sie
Angst, sie könne demnächst ausbrechen und wilde Phrasen bellen, wie ein Hund,
der eben noch in tiefsten Träumen schlummerte. Sie behandeln sie vorsichtig,
als wäre sie ein anderes Wesen, zu sensibel, um ohne Handschuhe angefasst zu
werden, zu sanft, um Worte böser Zungen ertragen zu können, zu dünnhäutig, um
nicht bei einer harschen Bemerkung in tausend glitzernde Splitter zu bersten.
Die Menschen senken ihren Blick, wenn sie ihre Augen sucht, sie haben Angst,
ihre Gedanken, die sie wie einen Goldschatz hüten, an sie zu verlieren. Sie
haben Angst, analysiert zu werden, wie ein Versuchsobjekt, Angst, zu viel von
sich preiszugeben. Sie sind nicht böse, die Menschen, doch sie spüren, dass sie
anders denkt, anders fühlt, anders sieht. Sie fürchten sich vor dem anderen.
Sie gehen ihm aus dem Weg, werfen ihm nur einen hilflosen Blick zu, denn sie
wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen. Sie ist anders.
Und sie schreibt und schreibt und schreibt, bis ihr alle Worte entflohen sind.
Wo sind die Menschen, die brennen? Wo sind die Menschen, die sich um nichts
kümmern? Die einfach in den Tag hineinleben, und alles, was auf sie zukommt mit
einer gewissen Gleichgültigkeit entgegennehmen? Wo sind die Menschen, deren
Herzen alleinig für die Poesie schlagen,
deren einzige Nahrung aus Kaffee, Zigaretten und Büchern besteht? Wo sind die
Lichter in der tiefen, dunklen Nacht, die ihr den Weg aus der Einsamkeit zeigen,
der Einsamkeit, die sie schleichend vergiftet und langsam ihre immer schwächer
glühende Flamme ausbläst, bis sie schliesslich ganz erlischt?
Ist sie denn ganz allein auf dieser Welt?
"Kurz waren die Tage, kurz waren die Nächte, jede Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel ein Schiff voll von Schätzen, voll von Freuden. (...) Durch sein Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond."
- Hermann Hesse, Siddharta
"'Freiheit' heisst der ewige Jingle unserer Zivilisation, doch haben nur diejenigen, die ihrer beraubt wurden, eine leise Ahnung, was es damit auf sich hat."
- David Mitchell, Der Wolkenatlas
"And in the end, we were all just humans ... Drunk on the idea that love, only love, could heal our brokenness."
Ich mag Aliens. Wenn uns einer besuchen würden, würde ich ihm liebend
gerne unseren Planeten vorstellen, ihm alles über Mutter Erde erzählen. Zuerst
müsste ich ihm die Krone der terrestrischen Schöpfung, das höchste aller hier
hausenden Lebewesen näher bringen. Gestatten, der Mensch. Zweibeinig,
aufrechter Gang, ein Gehirn, das weit mehr Synapsen in sich trägt als das
gesamte Universum Sterne zu zählen vermag und so zu manch wilder Spinnerei und
flausiger Idee neigt. Würde der/das Alien (tatsächlich sind laut Duden beide
Varianten möglich, männlich und sächlich, wobei mir dies als überzeugte
Feministin *hüstel* als eine äusserst ungleichberechtigende Lösung erscheint. Schliesslich
weiss kein Mensch bis zur näheren Betrachtung des Ausserirdischen, ob er/sie/es
überhaupt einem Geschlecht zugeteilt werden kann, oder wortwörtlich nichts in
der Hose hat, wobei wir schon beim nächsten Punkt sind.) Also, würde die
extraterrestrische Lebensform beim Anblick einer freizügig powackelnden Miley
Cyrus o. Ä. lüstern seine gegebenenfalls vorhandenen Augenbrauen anheben,
könnte ich beruhigt mein Aufklärungsbuch für 5. Klässler zuklappen, in den
nächstbesten Mülleimer werfen und mir so die ganze Fortpflanzungsgeschichte
ersparen, da sie sich ja anscheinend nicht nur auf unserem Planeten als
beständigste Variante dem Aussterben entgegenzuwirken etabliert hat. Würde sich
in des Aliens Gesicht keine Regung zeigen (Ich verwende der Einfachheitshalber
ab nun die gerechteste Variante – Das Es), würde ich dies entweder darauf
schliessen, dass es wohl schwul/frigide/zu jung für versaute Gedanken/treu
verheiratet/ein heterosexuelles Weibchen sei, oder aber tiefseufzend
feststellen, dass diese erdfremde Spezies tatsächlich geschlechtslos ist und
sich auf mysteriöser Weise asexuell fortpflanzen würde. Also doch die ganze
Bienchen-und-Blümchen-Erzählung. Schliesslich muss das Alien wissen, was der
Grund allen Tun und Lassens des Menschen, der absolut triebgesteuerte Hintergrund
allen Strebens, Lebenslust und –Frust ist.
Nächster Punkt der Führung über die Erde und seine freundlichen Bewohner. Die
grossartige Geschichte, wie der Mensch das Zepter über alle Lebewesen ergriff und
somit die ganze Weltherrschaft an sich riss, würde ich in ein, zwei Sätzen
zusammenfassen. Und zwar folgendermassen: Da war ein Urmensch, der sich
niederliess, sein eigenes Häuschen baute und merkwürdige Krümelchen in die trockene
Erde steckte, aus welcher sich dann wie durch Zauberhand grüne, lebenspendende
Pflanzen erhoben, die dem Urmenschen beim Verzehr genügend Energie schenkten,
um wilde Tiere zu jagen und mit ihrem Fleisch andere Menschen zu ernähren, um
sich herum zu versammeln und so ein ganzes Dorf, eine Stadt aufzubauen. Und
dann, einige Jährchen später kam da ein Cäsar, dann irgendwann mal ein Napoleon
und dann ein Hitler, alle drei grössenwahnsinnige und von
Minderwertigkeitskomplexen gequälte, gar psychopatisch gefärbte Tyrannen, die
die ihnen gegebene Herrschaft rigoros vergewaltigten, hunderte ihrer Untertanen
in den kalten, ungerechtfertigten Tod schickten und so als Schwerverbrecher in
die Weltgeschichte eingingen. Fertig mit dieser Weltgeschichte. Das Alien wäre
so oder so nicht besonders interessiert am historischen Hintergrund unseres
Planeten. Wieso sollte uns auch ein Alien aufgrund touristischer Interessen
besuchen wollen? Schon mal einen Ausserirdischen mit Kamera und bis zum Knie
reichenden Socken unter den Sandalen gesichtet, der irgendwelche antiken
Bauwerke abknipst? Eben. Vielmehr würde es auf zahlreich vorkommende Rohstoffe
hoffen, die es uns dann irgendwie frech abluchsen würde. Schliesslich gibt es
für keine extraterrestrische Lebensform einen anderen Grund, solch einen lichtjahrtausendlangen
Weg auf sich zu nehmen, als die Verarmung an Wasser, Erdöl und Platz des
eigenen Planeten. Meiner Meinung nach zumindest. Wenn Aliens kommen, dann nicht
in guter Absicht, sie kommen nur, um sich rücksichtslos zu holen, was sie
brauchen. Egoismus ist nun mal nicht nur der Grundzug der Psyche eines jeden
Menschen. Es ist der Grundzug der Psyche eines jeden Lebewesens, von welchem
Planeten es auch kommen mag. Und deshalb würde mich das Alien über unsere
Ressourcen, unsere Luftqualität und ähnlichem ausfragen, nur ganz beiläufig, um
nicht den Eindruck zu erwecken, sich an unseren Bodenschätzen vergreifen zu
wollen. Die Antwort, die ich ihm auf diese Frage geben würde, bedürfte einer
ausschweifenden Vorbemerkung, die ich mir zuerst schön zusammenbüscheln müsste,
weshalb ich das Alien erst einmal auf später vertrösten würde.Zurück zu dem Vortrag, den ich dem
Neuankömmling bieten würde, am besten begleitet von einer feschen Powerpoint Präsentation,
gespickt mit willkürlich daher hüpfenden und wild rotierenden Titeln in
gewagten Farbkombinationen. Die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten muss
schliesslich gebührend visualisiert werden. Als nächster zu erwähnender Punkt,
der mir gleichzeitig nach kurzer Überlegung als Vorbemerkung zur Beantwortung
der Frage dieses Aliens diente, wäre da die aktuelle Lage unseres Planeten, die
ich dem erdfremden Wesen erklären würde. Aber zuerst würde ich ihm unsere Welt
beschreiben, wie sie damals, vor gar nicht allzu vielen Jahren, ausgesehen hat.
Damals, als die Menschen sich noch in ihren eigenen Exkrementen labten, nur
assen, was sie selbst angebaut hatten und sich ihre Kleider eigenhändig nähten.
Mit eigens gewebten Stoffen. Aus Wolle ihrer eigenen Schafen. Selbst gescherten
Schafen. Kurz, als die industrielle Revolution noch nicht mit ihren heissen,
rastlosen Fingern um sich griff, die Leute mit Geldgier und das Land mit Abgasen
der aufblühenden Globalisierung dieser ewig pulsierenden Welt verpestete, als
Mutter Erde noch wie ein übergrosses Abbild der Venus mit üppigen, milchgefüllten
Brüsten und gebärfreudigen Hüften vor Fruchtbarkeit und jungfräulicher Reinheit
nur so strotzte.Als die Erde noch rosig
war, übersät von grünen Pflanzen und durchzogen von süsser Lieblichkeit, in
welcher pausbäckige Kinder freudestrahlend Purzelbäume schlugen und Löwenzähne pusteten.
Als sich der Hass noch nicht in den Gemütern der Gesellschaft eingenistet hat,
von Eifersucht und verbissenem Perfektionismus zum Leben erweckt. Als die Welt
anders war, nicht besser als heute, aber unschuldiger. Damals. Heute ist alles
anders, diese Tage, an denen von allem irdischen Bestehen der süsse, honiggelbe
Honig tropfte, gehören der Vergangenheit an, deren Existenz nur noch in unseren
Memoiren ihrem Dasein fristet. Nun tropft da von der hämmernden Wirklichkeit nur
noch ein kläglicher Rest schwarzen Erdöls aus den Tiefen der ausgebeuteten
Mutter Erde, in welchem Smileys mit Dollarnoten als Augen und fettem Grinsen im
Gesicht herumschwimmen.
„Und deshalb“, würde ich nach diesen langen Ausschweifungen meine Rede schliesslich
beenden, „ist es uns nicht gewährt, dir etwas mit auf deinen Weg zu geben. Bei
uns gibt es nichts mehr zu holen. Aber falls du einen reichen Planeten findest,
du kennt ja unsere Koordinaten in der Milchstrasse.“ Dann würde ich ihm verschwörerisch
zuzwinkern. Zweimal. Denn doppelt hält besser, verrät dennoch nichts von der
Verzweiflung über die aussichtslose Lage, in welche wir unsere Heimat drängen, die
sich langsam und schleichend in mir breit macht.
Und so würde das Alien verdrossen in sein Ufo steigen und davondüsen.