Dienstag, 31. Dezember 2013

Favorite Qoutes 1213


„Was, wenn das Universum lesbar wäre? Vielleicht steckt ja das hinter der erschreckenden Schönheit der Dinge. Wir bemerken, dass etwas mit uns spricht. Wir kennen die Sprache. Und doch verstehen wir kein Wort.“
„Er heuerte als Küchenmatrose auf einem Schiff an, das nach Indien sollte, doch es sank schon drei Wochen nach dem Ablegen. Fische, so fremd, wie er sie sich nie hätte vorstellen können, frassen sein Fleisch, seine Knochen wurden zu Korallen, die Haare zu Seegras, seine Augen zu Perlen.“
-Daniel Kehlmann, F
 
„Besonders oben auf der Decke hing er gern; es war ganz anders als das Liegen auf dem Fussboden; man atmete freier; ein leichtes Schwingen ging durch den Körper; und in der fast glücklichen Zerstreutheit, in der sich Gregor dort oben befand, konnte es geschehen, dass er zu seiner eigenen Überraschung sich losliess und auf den Boden klatschte.“

-Franz Kafka, Die Verwandlung


„Jetzt weiss ich nur, dass ich wieder mal sechsundzwanzig Aufsätze durchlesen muss, Aufsätze, die mit schiefen Voraussetzungen falsche Schlussfolgerungen ziehen. Wie schön wär’s, wenn sich „schief“ und „falsch“ aufheben würden, aber sie tun’s nicht. Sie wandeln Arm in Arm daher und singen hohle Phrasen.“
„Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt.
Die Lüge, Mutter aller Sünden.“
-Ödön von Horvath, Jugend ohne Gott


„If personality is an unbroken series of succesful gestures, then there was something gorgeous about him, some heightened sensitivity tot he promises of life, as if he were related to one of those intricate machines that register earthquakes ten thousand miles away.“
-F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby


„This whole world is wild at heart and weird on top“
-David Lynch

2013 - Ein Jahr im Kino

Ein jeder Schreiberling nimmt von irgendwoher seine Ideen, sucht irgendwo die unabdingbare Inspiration. Die meisten tun dies in der Literatur oder der Musik. Ich liebe gute Bücher, in denen ich versinken könnte sowie Musik, die mich in andere Welten entführt, daneben setze ich aber vor allem auch auf den Film. Es gibt nichts Schöneres, als sich in einen plüschigen, roten Kinosessel zu kuscheln und all die Bilder und Emotionen, die einem die Leinwand entgegenwirft, aufzusaugen.
Das Kinojahr 2013 hat einiges hergegeben, obwohl es laut Statistik zu einem der schlechtesten Jahre der Schweizer Kinos zählt. An mir kann das nicht liegen, mit gut zwei Dutzend Kinobesuchen in diesem Jahr zähle ich mich zu einer leidenschaftlichen Cineastin. Ich sammle sozusagen Kinotickets wie andere Leute es mit Briefmarken oder Ü-Ei-Figuren tun. Die Geschichten, die dieses Jahr auf den Leinwänden flimmerten, waren berührend, packend, witzig und poetisch, alles in allem einfach wahnsinnig unterhaltend und inspirierend. Die Materie der meiner Meinung nach besten Filme will ich euch hier kurz näherbringen.


Grosses Kino
Zu den besten Blockbustern dieses Jahres gehören meiner Ansicht nach ganz klar Ang Lee's Life of Pi, die wunderbare Geschichte eines schiffbrüchigen Jungen, der über 200 Tage mit einem bengalischen Tiger auf dem Pazifik um sein Leben kämpft und dem Zuschauer Eintritt in die magische Welt Indiens gewährt, eine grossartige Adaption Yann Martel's gleichnamigen Roman, der zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe, zählt.
 

Wenig später erschien Quentin Tarantino's Django unchained in den Kinos. Blutig wie gewohnt, mit nach Gerechtigkeit strebenden Figuren, ausgefeilten Dialogen, einem grossartigen Leonardo DiCaprio und einem noch grossartigerem Christopher Waltz, der mit seiner Performance in seinem zweiten Tarantino-Streifen sogleich den zweiten Oscar für den besten Nebendarsteller absahnte.
Im Frühjahr dann liess es Baz Luhrman mit seiner Fitzgerald-Adaption The Great Gatsby mächtig krachen. Ein Feuerwerk an Farben in dem ganz und gar nicht enthaltsamen New York der Zwanziger, in der Hauptrolle einmal mehr Leonardo DiCaprio, der sich mit diesem Streifen endgültig zu einem meiner Lieblingsschauspieler gemausert hat.
Im letzten Viertel des Jahres begeisterten dann noch zwei gelungene Fortsetzungen die Kinogänger, zum einen Francis Lawrence' Catching Fire, Fortsetzung des erfolgreichen "Hunger Games" mit einer unglaublich starken Jennifer Lawrence als Katniss Everdeen sowie Peter Jackson's Hobbit: Desolation of Smaug, der zweite Teil der Trilogie um die Reise des kleinen Hobbits, die gesamt als Prequel der mächtigen "Lord of the Rings"-Trilogie fungiert.


Science Fiction
Dieses Genre ist so faszinierend wie kaum ein anderes, ich liebe es, in abgefahrene intergalaktische Geschichten einzutauchen und zu sehen, was die Zukunft möglicherweise bringen wird. Das eindrücklichste Filmepos dieses Jahres ist mit Sicherheit Gravity von Alfonso Cuaron. Nicht nur durch die grandiose schauspielerische Leistung Sandra Bullocks, atemberaubende Ausblicke auf die Erdkugel und die Unendlichkeit des Weltalls sowie ausgezeichnetem Tonschnitt ist dieses Werk oscarwürdig; Noch nie hat sich 3D so sehr gelohnt wie hier, wenn in den schallverschlingenden Weiten des Alls durch Meteroitenschauer abgesplitterte Teile des Raumschiffes in das Publikum geschleudert werden oder die Tränen der um ihr Leben ringenden Ryan Stone in der Schwerelosigkeit dem Zuschauer entgegenschweben.

 
Daneben gehören zu den ganz grossen Science-Fiction-Würfen Oblivion von Joseph Kosinski sowie Elysium vom südafrikanischen Regiesseur Neill Blomkamp, der einige Jahre zuvor mit dem grossartigen "District 9" ein für hartgesottene Sci-Fi-Fans unverzichtbaren Streifen geliefert hat.
 
 
Indie/Kulturfilme
Wer auf grosse Explosionen und leicht durchschaubare Plots mit unabdingbarer Lovestory und Happy End einmal verzichten will und sich so von den teuren Hollywood-Produktionen entfernen will, war dieses Jahr ebenfalls gut bei unabhängigen Filmen aufgehoben.
Michel Gondry lieferte im Herbst mit L'écume des jours eine herrlich surreale Romanze, die in der zweiten Hälfte in eine düstere Depression abgleitet, die die letzten Bilder gar nur noch in schwarz-weiss zulässt. Fans von sprechenden Mäusen und anderen traumähnlichen Kuriositäten konnten hier völlig abtauchen.

Ebenfalls im Herbst brachte François Ozon seinen Streifen Jeune et Jolie auf die Leinwände. Die Geschichte der 17-jährigen Isabelle, die sich aus unerklärlichen Gründen in der Prostitution verliert ist wunderbar ehrlich, erschütternd und ungewohnt freizügig mit der grossartigen Marine Vacth in der Hauptrolle.
Ebenfalls überzeugte Cloud Atlas der Wachikowskibrüder mit Tom Twyker. Die Adaption des gleichnamigen Bestsellers David Mitchells verbindet sechs völlig unterschiedliche Geschichten, die sich in einem Zeitrahmen über 500 Jahre erstrecken, auf äusserst virtuoser Weise. Für jeden ist was dabei, von Seefahrt über Krimi bis postapokalyptischer Science-Fiction ist alles zu sehen.
Kürzlich erschien dann Only Lovers left Alive von Jim Jarmusch, eine herrlich düstere Romanze, die altgesessene Vampirmythen über Bord wirft.
 
Eigentlich kann ich unter all den Filmen, die ich bis jetzt gesehen haben, keinen absoluten Favoriten auserkoren, doch wenn ich es müsste, wäre es ganz bestimmt Beasts of the Southern Wild von Regiedebütanten Benh Zeitlin. Berührender war kein anderer Film dieses Jahr, der Streifen ist eine perfekte Mischung aus Indie und grossem Kino, wurde er doch in diversesten Kategorien für den Oscar nominiert, mit unter als besten Film. Grossartiger Soundtrack, atemberaubende Hauptdarstellerin.

 
 
Und was bringt das Kinojahr 2014?
Nun, einige interessante Streifen werden ins Kino locken, darunter Her von Spike Jonze, The Wolf of Wall Street von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio, einmal mehr als millionenschwerer Geldsack, The Secret Life of Walter Mitty von und mit Ben Stiller, der bereits preisgekrönte Dreistünder La vie d'Adèle und Kill your Darlings von und mit Daniel Radcliff sowie gegen Ende des Jahres der Sci-Fi-Streifen Interstellar von Regiegrösse Christopher Nolan.
 

Was bleibt da mehr zu sagen als:
Es lebe das Kino!

Mittwoch, 25. Dezember 2013

Ein Weihnachtsmärchen



Gekonnt öffnet Max die elektrische Schiebetüre der geräderten Schlange, die sich durch die Wälder, Hügel und Berge seines geliebten Heimatlandes windet, und betritt den nächsten Waggon. Er ist immer amüsiert über den Anblick der Zugfahrer, die sich damit abmühen, die Türe irgendwie aufzubekommen, um in den nächsten Wagen zu schlüpfen. Doch er tut dies so oft, dass er den Trick, die Türe nicht mit Kraft, sondern nur ganz leicht mit den Fingerkuppen aufzustossen, schon im Schlaf beherrscht. Max wirft einen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft, die im schwindenden Licht der Dämmerung langsam versinkt, bevor er die Passagierdichte des neuen Waggons checkt und schliesslich seinen gewohnten Text monoton abspult.
„Nächster Halt Zürich Flughafen, Billets bitte.“
Die reisende Masse sieht ihn ehrfürchtig an und zückt ihr Portemonnaie. Noch einmal tief einatmen. Auf geht’s. Erstes Abteil zur linken. Ein altes Ehepärchen. Die Frau steckt ihm mit zahnlosem Lächeln die Tickets für beide entgegen, Max lächelt gezwungen zurück, tackert die Papiere ab und wünscht ihnen noch eine angenehme Fahrt. Er will sich umdrehen, doch die Oma hält ihn an seinem Revers fest.
„Wissen Sie, wir fahren über die Festtage zu unseren Enkeln. Lea kann schon laufen und Tobias hat eben seinen ersten Milchzahn verloren!“
Gebannt strahlt ihn die Oma an, ohne ihn loszulassen. Max weiss nicht wirklich, was sie von ihm erwartet, schliesslich ist es nicht seine Aufgabe, mit seinen Fahrgästen zu plaudern.
„Das, ähh“, stottert er, „Das ist wirklich sehr schön. Ich wünsche Ihnen viel Spass.“
Max räuspert sich, reisst sich möglichst unauffällig von der grinsenden Oma los, die ganz eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, und läuft eilig weiter. Der Junge im nächsten Abteil kramt erst eine Ewigkeit in seinem Geldbeutel herum und streckt ihm dann gelangweilt ein zerknittertes Stückchen Papier sowie ein Halbtax-Abo entgegen. Max nimmt es entgegen, betrachtet zuerst das Billet, dann die Plastikkarte, vergleicht das Gesicht auf dem Foto mit dem, das vor ihm sitzt.
„Schöne Fahrt noch“, murmelt er, reicht dem Jungen seine Papiere und begibt sich weiter. Weder das Abo noch die Fahrkarte sind gültig, und um ehrlich zu sein ist sich Max nicht einmal sicher, ob das Abo überhaupt diesem Jungen gehört, doch eigentlich ist ihm das egal und er hat auch überhaupt keine Lust, einen Strafzettel zu verfassen, sich die Verteidigung des Jungen anzuhören, sein Betteln, doch einmal ein Auge zuzudrücken und somit die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste auf sich zu ziehen. Und er will dem Jungen auch nicht hundert Franken aus der Tasche ziehen, nicht heute, nicht an diesem Tag. So wie er aussieht, besitzt er die sowieso nicht. Hundert Franken, dieser Betrag ist sowieso eine Frechheit.
Der Zug fährt in den Tunnel und taucht sein Inneres in ein beinahe unheimliches Licht. Noch sechzig Sekunden, dann wird er seine Türen öffnen und einige der Passagiere ausspucken, bevor er neue durch seine Pforten schreiten lässt. Max‘ Blick gleitet über die Fensterscheiben und bleibt an seinem eigenen Spiegelbild hängen. 50. Er fängt seinen eigenen müden Blick ein. 40. Seine Augen scheinen grau verschleiert zu sein, von dunklen Schatten unterlegt, seine Wangen hängen schlaf an seinem knochigen Gesicht, das schüttere Haar lugt unordentlich unter seiner schräg sitzenden Mütze hervor. 20. Ist das wirklich er? Kann es sein, dass er in dieser kurzen Zeit so sehr gealtert ist? In vier Jahren? Vier? Vier. 10. Max rückt seine Mütze wieder zurecht, doch das ändert auch nichts an seinem erbärmlichen Anblick. Und seinen Schnurrbart sollte er wirklich – „Pardon!“, ruft ein junger Mann, schubst Max wie eine lästige Fliege aus dem Weg und stürzt die Treppe hinab Richtung Ausgang des nun stillstehenden Zuges, doch Max winkt nur ab, froh darüber, aus dem tranceartigen Zustand, der ihn immer in diese tiefe Melancholie abgleiten lässt, aufgeweckt worden sein. In Scharen stürzen nun Menschen in den Waggon, Geschäftsmänner, die für die nächsten Tage ihre Familie besuchen, Ehepärchen, schwer bepackt in Erinnerungen an die Karibikkreuzfahrt schwelgend, eine ganze Schar Hinterwäldler in weiss gekreuztem Rot, die ein aufgetakeltes Mädchen abgeholt haben, das, seinem Shirt  – I „Herzchen“ NY – nach, wohl eben von einem Au-Pair-Jahr oder ähnlichem in den USA heimgekehrt ist, einige Japaner, die wild herumschnattern und eine Schweizerkarte zu entziffern versuchen. Zu viele Menschen in diesem Wagen, denkt Max, und flüchtet in den nächsten. Erste Schiebetür auf, einige Schritte, abwesendes Lächeln an einen Kollegen, der seinen Weg ein Kioskwägelchen schiebend kreuzt, zweite Schiebetüre auf und hindurch, Luft schnappen. Armes Schwein, der Kioskwägelchenschieber. Aber immerhin hat er etwas, mit dem er nervende Kleinkinder, die nicht auf ihren Plätzen sitzen bleiben wollen aus dem Weg pflügen kann.
„Nächster Halt-“, hört Max seine eigene Stimme orgeln, doch als er erkennt, das dies ein Wagen der ersten Klasse ist, räuspert er sich, zieht seine Mütze tiefer ins Gesicht, wünscht den Passagieren eine gute Weiterfahrt und spurtet zur nächsten Schiebetüre. Für diese Snobs der ersten Klasse hat er keine Nerven, sie können ihm heute gestohlen bleiben. Traut sich eh kein Schwarzfahrer in so einen weich gepolsterten und extra breiten Luxussitz, die Kontrolle ist also überflüssig, redet sich Max ein. In Wirklichkeit kann er diese Leute einfach nicht ausstehen, die Damen und Herren der Oberschicht, die Noblesse, Kronträger des verschleimten Kapitalismus,  die verdammte Bourgeoisie in ihren Armanianzügen und Pradakleidern. Natürlich, es gibt auch ausstehbare normalbürgerliche Fahrer der ersten Klasse, und der doppelte Preis, den sie für dieselbe Strecke zahlen, trägt erheblich zu seinem eigenen Lohn bei. Aber er konnte es noch nie verstehen, wieso jemand überhaupt so viel zahlt und ohne schlechtes Gewissen in beinahe unendlichem Platz schwelgt, während es in der zweiten Klasse wie in einer Hühnerzuchtanlage, die garantiert nicht vom Tierschutzverein zugelassen werden würde, zu und her geht. Wir sind schon beinahe wie die Inder mit ihrem Kastensystem, denkt Max,  oder wie die Südafrikaner zu Zeiten der Apartheid. Naja, fast. Tief in seinem Herzen ist er halt doch irgendwie Anhänger des guten alten Kommunismus, der liebe Max.
Der nächste Wagen ist der Speisewagen, jedoch ist er wie leer gefegt, für diese Mittagszeit ziemlich ungewöhnlich. Wahrscheinlich wollen sich die Leute jetzt nicht vollfressen, wo sie doch wissen, dass für heute Abend fette Gans, Lebkuchen und Glühwein auf sie warten. Max grüsst seine gelangweilten Kollegen, zieht seine Mütze wie zu alten Zeiten und läuft dann schnurstracks zum nächsten Wagen, um ja nicht in irgendwelche belanglose Gespräche mit seinen Kollegen verwickelt zu werden.

Treppe hoch, zweite Klasse. Komische Anordnung der Waggons, denkt er. Ein überfüllter Wagen mit Normalsterblichen. Langsam pflügt sich Max durch den Gang, nimmt Fahrkarten entgegen, sagt zur Abwechslung manchmal „Danke“ anstatt „Merci“ und fragt sich bei jedem einzelnen Gesicht, das ihn mit grossen Augen anblickt, welche Geschichte sich in ihnen versteckt. Woher sie kommen, wohin sie gehen. Und wieso. Was sie da lesen. An was sie denken. Oder an wen. Was sie gestern gemacht haben, was sie morgen machen wollen. Welche Pläne sie für heute haben. Ob er sie jemals wieder sehen wird.
Und die gleichen Fragen stellt er sich selber. Woher kommt er, wohin geht er? Und wieso? Er sieht jeden Tag die ganze Schweiz, fällt ihm in diesem Moment auf. Die ganze Schweiz, von St. Gallen über Zürich bis nach Genf, von Chur über Luzern bis runter nach Bellinzona. Und er sieht jeden Tag Schweizer aus allen möglichen Orten dieses Landes, aus jedem erdenklichen Kaff. Nur sie sieht er nicht. Aber daran will er nicht denken, nicht heute, obwohl der Gedanke unausweichlich ist, vier Jahre, vier lange Jahre. Er weiss schon, wieso er an diesen Tagen arbeitet, an diesen Tagen, an denen jeder noch so businessbesessene Geschäftsmann nur über seine Leiche nicht bei seiner Familie bleibt, bei seinen lieblichen Kindern und seiner wunderschönen Frau. Und seiner wunderschönen Frau. Vier Jahre. Auf den Tag genau. Vier.
Tränen sammeln sich in seinen Augen, verschleiern seine Sicht, die ersten seilen sich an seinen Wimpern ab und rollen seine eingefallenen Wangen hinunter. Er wollte doch nicht daran denken, nicht heute, nicht hier, nicht vor so vielen fröhlich gestimmten Menschen. Ärgerlich wischt er mit dem Ärmel über sein Gesicht und läuft mit gesenktem Blick zur nächsten Schiebetüre, schlüpft durch sie und schliesst sie hinter sich. Max erklimmt die Treppe, blickt auf seine Armbanduhr. Acht Uhr morgens. Seine Schicht hat gerade erst angefangen. Schweissperlen rinnen seine Stirn hinab, verzweifelt versucht er, seine Fliege zu lockern, die Luft hier oben ist dünn, zu dünn, er hechelt, er hechelt nach Sauerstoff. Noch zwölf Stunden. Seine zitternde Hand tastet die Brusttasche seiner Arbeitsuniform ab, doch er findet die Tabletten nicht, dabei ist er sich sicher, sie heute Morgen eingepackt zu haben. Er muss seine Tabletten nehmen, er muss, er muss. Zitternd zieht sich Max die nächste Treppe hinauf und stürzt zur Zugtüre. Vier Jahre. Der Zug öffnet seinen Rachen und speit ihn aus. Max landet auf dem kalten Bahnhofsperron, seine Mütze segelt die Gleise hinab. Mit einem fröhlichen Pfeifen verabschiedet sich der Zug und tuckert davon, die Räder quietschen, in Max‘ Ohren tönt es so, als riefen sie ihm neckisch „Frohe Weihnachten“ nach. Er rappelt sich auf, will sich orientieren, blickt verzweifelt umher, doch dicke Nebelschwaden wabern durch die Lüfte und Max erkennt seine eigene Hand vor den Augen nicht mehr. Die Nacht bricht ein und mit ihr die Kälte. Max‘ Finger werden klamm, ehe sie ganz einfrieren, auf seiner Nase wachsen Eiszapfen in rasender Schnelle. Max taumelt den Perron entlang, bestimmt ist er in Küsnacht gelandet, nur will ihm das keine Menschenseele verraten, denn der Bahnhof ist wie leergepustet. Aber er muss nach Hause! Sie hat doch Schweinsplätzchen mit Kartoffeln gekocht, sein Leibgericht, und dazu Kräuterquark und zum Nachtisch ihr berüchtigtes Kirschkompott mit heisser Vanillesauce, so wie jedes Jahr, und dann singen sie und zünden die Kerzen des Baumes an und dann schauen sie sich einen Agatha Christie Film an, Mord im Orientexpress, haha, Mord in einem Zug, sehr aufmunternd, haha, dass er auch ja keine Albträume bekommt, in einem Zug, da arbeitet er ja, haha, und oh, die Blumen, natürlich, er wollte ihr doch noch Blumen mitbringen, sie liebt Blumen, sie sind wunderschön, so wie sie, wunderschön, er bringt ihr –Wumm! Max fliegt zu Boden, seine Wange brennt wie Feuer. Irgendein Saukerl hat ihm eine geschmiert, denkt er, doch dann realisiert er, dass sich seine Vernunft soeben selbst geohrfeigt hat. Vier Jahre, lieber Max, vier Jahre schon. Reiss dich zusammen! Steh auf und lauf zum Bahnhofsschalter, die sagen dir schon, was du machen musst, um nach Hause zu kommen. Und dort nimmst du dann als allererstes deine Tabletten, alter Spinner!
Mühselig rappelt sich Max auf, klopft den Dreck von seiner Hose, bricht die Eiszapfen von seiner Nase und wirft sie zu Boden. Klirrend rollen sie den Perron entlang, bevor sie zum Stehen kommen. Eiszapfen. Die perfekte Mordwaffe, hat sie immer gesagt. Wie vor vier Jahren. Die perfekte Mordwaffe. Sie lösen sich einfach in unschuldiges Wasser auf. Eiszapfen. Und sie hat nicht einmal geschrien. So schnell war sie kalt. Haha, kalt, kalt wie der Eiszapfen selbst. Und rot. Wunderschön rot. Alles rot, alles, auch das blonde Haar, rot. Und sie hat ausgesehen wie der allerschönste Engel. Vier Jahre. Und der See hinter ihrem Haus ist tief, so tief, dass er gar keinen Grund hat. Perfekt um eine Leiche zu versenken, hat sie immer gesagt, haha, perfekt. Und niemand weiss wie perfekt, haha, niemand, gar niemand. Max schüttelt seinen Kopf und dann schüttelt er ihn nochmal und dann nochmal, bis alle Stimmen, alle Erinnerungen aus seinem Gedächtnis gepurzelt sind, er atmet tief ein, tief aus, tief ein und dann wieder aus und wieder ein und wieder aus. Ein und aus. So. Und jetzt zum Schalter. Geht Beine, geht zum Schalter. Alles wird gut. Nach Hause. Und dann die Tabletten. Doppelte Portion. Alles wird gut. Die Nebelschwaden verziehen sich langsam, gewähren dem Licht der Nachmittagssonne Zugang zum Erdboden. Da! Was ist das? Da unten, auf den Gleisen, da ist doch was! Es glitzert und glänzt da, da ist was! Max kneift seine alten Augen zusammen. Das ist doch … ein Weihnachtsstern! Blumen! Rote Blätter, mit silbernem Glitter bestäubt. Wunderschön. Er bringt ihr jedes Jahr Blumen mit, jedes einzelne Jahr. Auch vor vier Jahren. Hastig klettert er den Bahnsteig hinab, verheddert sich mit seinem Fuss, fällt zu Boden, auf die Gleise. Schnell rappelt sich Max auf, greift nach den Blumen im Übertopf. Die Blätter sind so schön, so rot, blutrot. Max umarmt den Blumentopf, versenkt sein Gesicht in den duftenden Blättern, er dreht sich im Kreis, immer wilder, immer schneller und die Blütenblätter wandeln sich in rote Fäden, in rotes Haar, rotes, nasses Haar, das schlaff dem bleichen Gesicht hinabhängt, dem bleichen Gesicht mit den geschlossenen Augen und dem blutverschmiertem Mund, an das Gesicht wachsen Hals und Arme, Rumpf und Beine, in einem leichten Kleid, weiss wie Schnee mit roten Flecken, ganz schlaff hängt sie in seinen Armen, schlaff und leblos, doch ihre Lippen sind so voll wie eh und je, so sinnlich geschwungen, so blutrot und weich, und er küsst sie, die Lippen, die er liebt, küsst sie voller Leidenschaft, sie fühlen sich weich an, weich und vertraut und kalt, und er dreht sich immer noch im Kreis, immer weiter im Kreis, ihr schlaffer Körper wirbelt um ihn, ihr schneeweisses Kleid flattert im wilden Tanz und er küsst ihre Lippen und kommt nicht mehr los von ihr, denn er liebt sie und sie ist gegangen, vor vier Jahren, sie ist gegangen und er wird sie nie wieder haben, sie ist gegangen, und ihre Lippen sind so weich, so weich. Zwei Augen beobachten ihn, zwei gleissend helle Augen, sie beobachten ihn von der Ferne, wie er tanzt, wie er mitten auf den Gleisen tanzt, ohne nichts, nur er, und die Augen nähern sich ihm, rasen direkt auf ihn zu, sie sind schnell, unheimlich schnell, zu schnell, und ohne zu blinzeln, erfassen sie Max, sein Körper schleudert durch die Luft, fünf, sechs Meter, bevor er auf die Schiene aufschlägt und sogleich vom gefrässigen Maul des Zuges verschlungen wird. Max dreht sich und dreht sich unter den Rädern, doch er spürt keinen Schmerz, denn in seinen Armen hält er immer noch sie, und alles rot entschwindet aus ihrem Haar, aus ihrem Kleid, von ihrer Haut und so hält er sie nun in seinen zertrümmerten Armen, ein blonder Engel in schneeweissem Kleid, makellose Haut, rosa Wangen, rote, zarte Lippen, umspielt von einem sanften Lächeln. Ihre Lider zucken, langsam öffnet sie ihre Augen und sie leuchten seine an, so wie das Flackern zweier flammender Kerzen.
Und er sieht sie wieder.

Mittwoch, 18. Dezember 2013

Leon




Yeah, she loves you Leon, yeah, she loves you Leon Leon
Yeah, she loves you Leon, yeah, she loves you Leon Leon

Sie liebt dieses Lied, hört es rauf und runter, den ganzen lieben langen Tag, die ganze dunkle, düstere Nacht. Sie sitzt still da und lässt es in ihre klangsüchtigen Ohren rauschen. Sie tanzt in ihrem Zimmer. Sie tanzt draussen in der Dunkelheit, sie tanzt, wenn es regnet, wenn es schneit. Die Lyrics hämmern sich in ihren Schädel, verfolgen sie in ihren Träumen. Sie hört nichts anderes mehr. Denn sie liebt ihn. Und er weiss es nicht.
Sie mag die Art, wie er dasteht. Einfach so, ganz unkompliziert. Er macht sich keine Gedanken darüber, ob seine Jacke sitzt oder seine Frisur stimmt, zumindest scheint es so, als wären ihm diese Dinge, auf die alle anderen Wert legen, egal. Er redet nicht viel. Doch er weiss genau, was er zu erzählen hat, diese gewissen Dinge. Nur schreibt er sie auf. Aussprechen tut er sie nie. Die Ohren, die auf seine Worte stiessen, würden sie nicht gebührend schätzen, dessen ist er sich sicher. Doch die Augen, die seine Zeilen aufsaugen, die wissen, was er sagen will. Und darum ist das gut so mit dem Schreiben. Er sagt nie was.

Morgens sitzt er schon im Bus, wenn sie einsteigt. Der Platz neben ihm ist immer frei. Sie könnte sich neben ihn setzen. Ihm ein nettes Lächeln schenken. Sich bei ihm vorstellen. Ihn irgendetwas fragen. Hauptsache seine Stimme zum Ertönen bringen und ihrem fremden Klang lauschen. Ihn Dinge fragen, ihm zuhören, seine Worte aufsaugen, in seine Welt versinken. Sie ist sich sicher, dass er die Welt auf wundersamer Weise sieht. Auf magischer Weise. Sie würde ihn dazu bringen, ihr seine imaginäre Brille aufzusetzen, um die Welt durch seine Augen zu sehen, besser zu verstehen, jede Busfahrt, jeden Tag ein Stückchen mehr. Wenn sie sich neben ihn setzen würde. Aber sie tut es nicht. Denn sie weiss nicht, was er denkt. Sie weiss nicht, was er will. Aber sie weiss, dass er nicht mit anderen Menschen redet. Vielleicht, weil er sich nicht traut. Vielleicht, weil er nicht weiss, was er sagen soll. Vielleicht, weil er mit Menschen nicht umgehen kann. Vielleicht aber auch, weil er sich einfach zu schade dafür ist. Wahrscheinlich ist er ein arrogantes Arschloch. Doch das wird sie nie erfahren. Denn sie kann den Mut nicht aufbringen, ihren Hintern zu ihm zu schwingen. Sie hat Angst vor seiner Abweisung, die alle ihre Träumereien in sekundenschnelle in Schutt und Asche legen würde. Aber eben. Wahrscheinlich ist er ein arrogantes Arschloch. Und trotzdem, oder vielleicht genau deswegen zieht er ihr Interesse auf unangenehmer, unterschwellig aufdringlicher Weise an. Sie mag Geheimnisse. Er bewahrt viele von ihnen in seinem Geiste. Sie ist fasziniert von ihnen. Und will sie alle lüften. Doch sie kann ihre Angst davor, dass das Feuer in seinen Augen nicht für sie brennt, nicht überwinden. Jede Nacht weint sie ihrem fehlenden Mut nach, ihrem verlorenen Vertrauen in die Welt, das sich vor Jahren verdünnisiert hat und sie verflucht ihre Schüchternheit, ihre verdammte Schüchternheit.
Anderen mag er kaum auffallen. Und niemand fällt ihm auf. Nur ihr, ihr schenkt er es manchmal, ganz selten, diesen einen Blick, wissend, was ihr sehnlichster Wunsch ist, wissend, was sie denkt, was sie fühlt, diesen Blick, und das Zwinkern, das brennt, brennt wie Feuer. Und dieses Feuer, dieses kurze, elektrisierende Gefühl, es reicht aus.
Es sind starke Worte, sie weiss es. Doch es ist so. Und darum benutzt sie sie.
Sie liebt ihn.
Und er weiss es nicht. Er wird es nie wissen. Denn er ist gesprungen. Vor einem Jahr. Und seit dem tanzt sie.


She loves you Leon
She loves you Leon
Sie liebt dich Leon.
Sie liebt dich.
Leo.

Freitag, 13. Dezember 2013

Annie


Braunes Haar und scheuer Blick
Sie dreht ihre Pirouetten, unaufhörlich, immer im Kreis
Ihr rosa Kleidchen schwingt sanft um die dünnen Beinchen
           
Dein Porzellanteint strahlt, Annie, du glühst, du brennst.
Schneeflocken rieseln auf ihre Wangen, verdunsten zischend
Sie dreht sich, kichert, die Rehaugen blitzen
Immer schneller, immer schneller
           
Zu schnell, Annie, du bist zu schnell.
Sie ist gefangen, allein, nur sie in ihrem Käfig
Doch sie dreht sich und dreht sich, immer im Kreis

Die Glaskuppel über ihr durchzieht sich mit einem feinen Netz
           
Er zerspringt, dein Käfig, pass auf, Annie, er zerspringt.
Tausend Glassplitter fliegen glitzernd durch die Lüfte
Sie fällt und fällt, die Augen starr vor Schreck
Sie landet
           
Ich hab dich, Annie, ich hab dich gefangen.
Und die kleine Annie stirbt in meiner Hand.


 

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Engelsschlaf





Die weissen Wände zogen in berauschender Eile an mir vorbei, der einzigen Fixpunkt, an dem sich meine benebelten Augen in diesem stürmischen Strudel aufhängen konnten und der mich so vom Wegdösen bewahrte, waren zwei nussbraune Augen, die auf den Meinigen ruhten. Das Grinsen um meine Mundwinkel liess langsam nach, auch wenn ich dieses wirre orange Bild, das vorhin eben noch im Zimmer hing, immer noch äusserst amüsant fand, wie es beinahe beängstigend schnell auf mich zugesprungen kam und meine Sinne mit seinem verrückt tanzenden orange-blauen Farbwirrwarr verwirbelte. Ebenso wenig vergass ich das entrüstete Lächeln der Krankenschwester, die mir in beinahe panischer Gutgläubigkeit beigebracht hatte, wie berauschend schnell dieses Beruhigungsmittel seine drogenähnliche Wirkung entfalten und meinen Verstand verwirren würde. Stimmen sprachen mir beruhigend zu, ich solle mich zur Seite wenden, und schon flog ich, getragen von sanften Händen mit tausenden spitzen Fingern, die sich in meine nackte Haut bohrten und klaffende Wunden hinterliessen, von denen weder Blut noch Schmerz ausging. Kichernd rollte ich mich wie ein ungeborener Embryo zu einem Kringel und kuschelte mich in meine neue Trage. Mein Blick verschwamm, schwach erkannte ich die Kanüle, die mir am Handrücken angebracht wurde, und folgte der Hand, die noch an dieser fuhrwerkte, in der Hoffnung, irgendwo die altbekannten himmelblauen Augen, die ich hinter diesen geschickten Fingern vermutete, zu finden. Doch das einzige, was ich noch sah, verschwamm vor meinen Augen, tausend dämlich grinsende Fratzen, die nach mir griffen und in verrückter Hysterie wieherten. Ich war mir sicher, sie lachten mich aus.
„Bald schläfst du, bald ist alles vorbei“, hörte ich von der Ferne eine feine Stimme wispern, wie aus einem billigen Drehbuch abgelesen.
Mein Blick schwand in die Endlosigkeit. Eine dieser unzähligen, laut kichernden Fratzen drückte mir wie zum Spass die fiesen spitzen Stacheln der Elektroden… tief in Schultern und Brust und schüttelte meinen halbtauben Körper. Erzürnt wehrte sich mein Verstand gegen diesen brennenden Schmerz, doch mein Körper war bereits nicht mehr stark genug, sich gegen die fremden Hände sträuben. Langsam entglitt ich in die Welt des künstlichen, sonnendurchfluteten Schlafs, der mir die wahnwitzigsten Träume schenkte, welche ich sogleich wieder vergass, als wären sie nie in meine Fantasien gesickert. Ich wusste, wenn ich aufwachte, wäre ich gereinigt. Gereinigt von all dem Schlechten und all dem Bösen, von den Jahren, die mein gedrungenes Rückgrat zu tragen hatte, von der Verdorbenheit, die meine Augen aufgesogen hatten, von dem Schmerz, der meine Haut zerkratzte und mein Herz zerriss, immer wieder, ohne Ende. Gereinigt von all dem Schwarz, das sich in das unschuldige Weiss einer jeden neugeborenen Seele mischt und nichts als ein verkrüppeltes Gemüt in dämmerigem Grau zurücklässt, bis sie schliesslich verkümmert und vermodert, gezeichnet vom Leben, das gierig alle Energie und Kraft aus ihm saugt. Wenn ich aufwache, hätte ich Flügel. Alles Übel vergessen, bereit für einen neuen Anfang.
Mit diesen Gedanken schweifte ich vollends von dannen.
-
Sanft drangen Stimmen in mein Bewusstsein. Ein schlechtes Gefühl kroch meine Kehle hinauf und endete in einem erstickten Schrei. Panisch warf ich mich in meinem Bett hin und her, verhedderte mich in den  Schläuchen, die aus meinen Armen quollen. Ich zwang verzweifelt meine Lider, mir Sicht zu schenken und fing die Blicke tausend stechender Augen.
„Wach auf, kleiner Engel“, sagten zwei von ihnen. „Und rette die Welt.“
Ich breitete mein schwachen Arme aus, wanderte ihnen mit scheuem Blick entlang zu meinen zarten Fingerspitzen, die mit den hellen Sonnenstrahlen, die in das kleine Fenster fielen, spielten,  und wieder zurück, und sogleich wuchsen aus ihnen kräftige, schneeweisse Federn, durchbrachen meine Haut und wandelten meine menschlichen Arme in  schwanenähnliche Flügel. Eine Träne entrann meinem Auge und mit ein, zwei kräftigen Schlägen trugen mich meine Engelsschwingen aus diesem Fenster hinaus, nach oben, immer weiter gen Himmel.


 

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Am Weiher


Für A. und C.


Sie treffen sich jede Woche am Weiher, jeden Donnerstag um fünf Uhr, ohne dies jemals abgesprochen zu haben. Auf jeden Fall kann sich keiner von ihnen an eine Vereinbarung dieses Zeitpunkts erinnern. Sie finden einfach zu sich. Jeden Donnerstag um fünf Uhr, bevor die Kälte mit ihren klammen Krallen nach ihnen greift und die Sonne ihre grosse schwarze Decke über den Horizont wirft, um sich schlafen zu legen. Jeden Donnerstag um fünf. Am Weiher.


„Hast du die vielen Kräne gesehen? Die ganze Stadt ist voll von ihnen.“
„Wir sind im Umbau, das ganze System wird umgerümpelt, denn es hat sich nicht bewährt. Die Welt fällt auseinander.“
„Wie meinst du das?“
„Sie wollen es sich nur nicht eingestehen! Sie wollen es nur vertuschen, die ganzen Risse irgendwie wieder zusammenbasteln, aber das klappt nicht! Wenn ein Teil reisst, nur das allerkleinste Teilchen, dann kracht alles zusammen, weisst du?“
„Was du redest. Man könnte meinen, du wirst wieder verrückt.“
„Verrückt? Wieso sollte ich verrückt werden? Ich sehe einfach genau hin, da ist nichts Verrücktes dabei. Jede Nacht, wenn ich umherwandere, sehe ich es.“
„Was siehst du?“
„Chaos. Unruhe. Eine kaputte Gesellschaft, die sich an ihren eigenen Lügen labt und sich vormacht, gesund zu sein.“
„Nachts schlafen die Menschen.“
„Ihre Körper. Wenn sie nicht eine Nachtschicht einlegen müssen. Doch ihre Geister liegen wach in den Betten und schreien nach Erlösung, nach nichts als Erlösung.“
„Nimmst du noch deine Antidepressiva?“
„Es macht, dass ich überall smileykotzende Menschen sehe, sie verzehren die Realität und tauchen mich in eine dumpfe Traumwolke, die mir eine süsse Welt vorgaukelt.“
„Nimmst du sie noch?“
„Wieso sollte ich?“
„Du weinst.“
„Ich weine dem Ende der Welt entgegen. Aber es geht mir gut, danke.“
„Du würdest nicht weinen, wenn es dir gut ginge.“
„Diese Tränen verursachen keine Schmerzen in meinem Herzen. Es sind wahre Tränen. Nicht ich bin der, der nicht weinen sollte. Du bist es, der die Sache falsch sieht. Ihr alle seht es falsch, ihr wiegt euch in dieser Welt aus aufgeblasenen Lügen. Alle Augen der Menschheit müssten tränenverhängen in den Tag hineinleben. Die Welt bricht auseinander. Was will man da anderes tun als zu weinen?“
„Kann es sein, dass du zu wenig schläfst? Hast du Stress? Wahnvorstellungen?“
„Ha! Wahnvorstellungen! Gib doch zu, dass es dir genauso geht wie mir, wirf deine Maske zu Boden und zeig mir dein wahres Gesicht.“
„Mit Verlaub, es tut mir Leid, aber ich kann dir beim besten Willen nicht folgen. Was ist aus dir nur geworden?“
„Du bist nicht besser als der Rest von ihnen, ihr seht es alle einfach nicht! Die Gesellschaft verspeist uns bei lebendigem Leib! Lebt ihr nur weiter so, doch ich gehe.“


Mit einem Satz springt er in die grünen Tiefen des Teiches, das Wasser schliesst sich über seinem Körper und spuckt ihn erst wieder aus, als dieser nur noch reglos auf dem Bauch zu treiben vermag. Sein Freund schüttelt den Kopf über seinen toten Freund, er weiss, dass ihm ein normales Leben so oder so nicht mehr gewährt gewesen wäre. Er war ein hoffnungsloser Fall, verloren in seiner verrückten Hysterie.
Als er sich umdrehen will, um nach Hause zu trotten und sich in seine Arbeit zu stürzen, die seine Hauswände beinahe zu Einstürzen bringt, fällt er in den zerklüfteten Abgrund, der die eben noch intakte Erde durchzogen hat. Wenig später fällt sowieso alles in diesen hinein; Die Welt ward von da an nie wieder gesehen, den sie zerbrach, zerbrach an all dem Schlechten, all der Hoffnungslosigkeit, aber vor allem an ihrer himmelstraurigen Blindheit, die es ihr verwehrte, das wahre, teils selbstverschuldete Leid ihrer pseudoglücklichen, in Wert und Norm eingequetschten und doch so sehnlichst nach Freiheit strebenden Bewohner zu erkennen.


Samstag, 30. November 2013

Favourite Quotes 1113

Keep it short or cut it off.


"Warum ich weine? Ich weine um die Welt, besser kann ich es dir nicht erklären. ich will die Welt verstehen, ich will, dass die Dinge beieinander bleiben, doch sie tun es nicht. Alles fällt auseinander und ich kann nichts dagegen unternehmen."

-Jens Steiner, Carambole



"When we got out of the tunnel, Sam screamed this really funny scream, and there it was. Downtown. Lights on buildings and everything that makes you wonder. Sam sat down and started laughing. Patrick started laughing. I started laughing.
And in that moment, I swear we were infinite."

-Stephen Chbosky, The perks of being a wallflower


"I saw the best minds of my generation destroyed by madness, starving hysterical naked, 
(...)
angelheaded hipsters burning for the ancient heavenly connection to the starry dynamo in the machinery of night,
(...)
who wandered around and around at midnight in the railroad yard wondering where to go, and went, leaving no broken hearts,
(...)
returning years later truly bald except for a wig of blood, and tears and fingers, to the visible madman doom of the wards of the madtown of the East."

 -Allen Ginsberg, Howl


"Die Poesie heilt die Wunden, die der Verstand schlägt."

-Novalis

Montag, 25. November 2013

Thoughts about: Haare. Und Nägel. Alles aus Horn halt. (I)


-Mein Verstand ist die meiste Zeit des Tages wach und das tut mir aufrichtig Leid. Denn dieser Wachzustand regt ihn an, sich Gedanken über alles Mögliche zu machen, die ganze Welt manchmal, manchmal auch nur über den Sinn und Zweck der Schnurhaare einer Ratte. Und meistens über Dinge, die niemanden interessieren. Darum tut mir das auch so Leid, das mit dem Wachsein. Denn so muss ich unschuldige Seelen, die sich in den unergründlichen Weiten des Internets weiss der Geier wie auf dieser Seite verirrt haben, mit diesen unnötigen, nicht wirklich logisch nachvollziehbaren und ganz und gar nicht nutzvollen oder weiterhelfenden Gedanken beim Führen ihres eigenen Leben aufzuhalten. Aber irgendwann muss das alles raus. A lot of thoughts cross my mind. Und hier sind sie. Lasst die Gedankenspiele beginnen.-



Ich stecke in einer Identitätskrise. In einer ganz tiefen. Wirklich. Und diese habe ich, neben einigen anderen hier irrelevanten Faktoren, hauptsächlich zweier biologischer Vorkommnisse des menschlichen Körpers zu verdanken, und ja, wer Titel aufmerksam liest, wird nicht lange raten müssen, um zu erkennen, dass die beiden Launenvermieser niemand anderes als diese Sippschaft willkürlich angeordneter Fäden auf beinahe jedermanns Kopf sowie zehn merkwürdige fingerspitzenüberwuchende ovale Platten sind, einfachheitshalber Haare und Nägel genannt. Also. Fangen wir mit den Haaren an.

Eins. Meine Haare stürzen meine zerbrechliche Seele in den Ruin. Es geht gar nicht um die Länge, die ist ganz okay, auch nicht um die Beschaffenheit, obwohl ich zugeben muss, dass es mir meine Haare leichter machen würden, wären sie einfach glatt ODER gelockt. Und nicht so eine Wirrwarrmischung irgendwo mittendrin. Es geht auch nicht um die äusserst ausgeprägte Abbrechstimmung meiner Haare. Spliss ist wohl der grösste natürliche Feind eines jeden Langhaarträgers. Aber naja. Um das geht es hier wirklich nicht. Ich rede von der Farbe. Auf der Welt gibt es Menschen mit blonden Haaren, Menschen mit braunen Haaren und Menschen mit schwarzen Haaren. Und dann gibt es da mich. Schwarz ist meine Mähne bestimmt nicht, aber eben auch nicht blond oder braun. Sondern irgendwas dazwischen. Ein merkwürdiges hellbraundunkelblond. Mit einzelnen schwarzen Haarsträhnen. Und orangen. Total unidentified. Und gar nicht awesome. Manchmal fühle ich mich wie eine Blondine, an anderen Tagen wie eine echte Brünette, aber im Hinterkopf schwirrt immer das Wissen, dass ich in Wirklichkeit gar nichts von beidem bin. Das verwirrt meinen Verstand und verunsichert meine Psyche, die doch in diesen wichtigen Jahren des Heranwachsens möglichst ohne Probleme ihr Ich hegen und pflegen, ihre wahre Identität finden sollte. Ich konnte meinen Haaren also nicht länger gewähren, mich mit diesen Psychospielchen zu terrorisieren und griff zu drastischen Massnahmen. So ritt ich auf meinem rotweissen Zauberzebra (Ob es wohl aufgrund seiner leicht verwirrten Farbgebung ebenfalls unter Minderwertigkeitskomplexen leidet?)zum Supermarkt und schnappte mir eine Farbe, die versprach, meine Haarpracht in ein reines, strahlendes Blond zu verwandeln, und dies unwiderruflich (Die andere Alternative, schwarz, schien mir etwas unangebracht, da ich so als depressiver Emo  gelten würde, wenn ich nicht ununterbrochen jeden Tag zu jeder Stunde mit einem dämlichen, wenn nicht gar leicht verblödetem Grinsen in der Visage umherwuseln würde).
„Abr dänn gsesch jo us wiä ä Barbie!“, hörte ich entsetzt von überzeugten Anti-Blondinen. Na und? Vielleicht bin ich ja tief im Herzen eine Barbie? Nun ja. Als ich nach eigenhändigem Färben, Einwirken und mühsamen Auswaschen sowie Föhnen meine Mähne im Spiegel betrachtete, dachte ich nur eins: Oh shit. Es gibt ja auch Menschen mit roten Haaren. Die hab ich ganz vergessen. Und aus Rache, ihre Existenz wohl noch nie wirklich wahrgenommen zu haben, haben sie mich dazu verdonnert, nun auch zu ihnen zu gehören. Jeah! Was von dieser Aktion übrigbleibt, ist das Gefühl der absoluten Desillusion jenseits des niedrigsten Nullpunkt, den die Welt je gesehen hat. Doch wo wir schon bei dieser Farbe sind.

Zwei. Nägel. Also Fingernägel. Sie sind merkwürdig. Wenn ich sie anschaue, frage ich mich, woraus eigentlich ihr Sinn besteht. Ich stelle mir vor, wie eine Hand wohl ohne diese Dinger aussehen würde. Sehr merkwürdig. Oder welchen Anblick erst ein Fuss ohne diese zehn Prachtstücke bieten würde. Vor allem aber könnte ich all den nervenden Besserwissern dieser Welt die Augen nicht mehr auskratzen, wenn auch nur in meinen Fantasien, sondern höchstens ausstechen. Aber das tönt nicht so schön rabiat. Doch wieso malen wir überhaupt unsere Nägel an? Nägel sind doch irgendwie der Spiegel unserer Psyche. Meine sind immer rot. Also rot lackiert versteht sich. Ich hab schon ganz vergessen, wie meine Nägel nature, so ganz nackt, aussehen. Wie kann ich da wissen, wer ich wirklich bin? Ich weiss nicht ganz, was das zu bedeuten hat. Denn eigentlich mag ich rot gar nicht so besonders. Und nun hab ich diese Farbe in den Haaren. Halleluja. Rot scheint wohl der Ursprung all dieser Verwirrung zu sein, in der sich mein Verstand zurzeit wiegt. Aber wie gesagt, eigentlich ist das merkwürdig, die ganze Sache um Nagellack und Co. Nagelfeilen. Nagelscheren. Unterlack, Überlack. Lack, der mit irgendwelchen magischen Kräften, genannt Magnetismus, lustige Muster malt. Gelnägel. Nageltatoos. Mein Gott, sogar Nagelpiercings.  Ein ganzes Nagelkonsumimperium regiert die Schönheitsbranche und zieht uns unbewusst die Fäden hinter den Kulissen unserer so leicht manipulierbaren Geister. Aber laut diversesten Quellen gilt der zweite Blick eines Menschen immer den Händen, die natürlich topgepflegt und frisch maniküriert sein sollten, um einen guten Eindruck zu hinterlassen. Als wäre es nicht natürlich, dass Nägel abbrechen, Dreck unter sich sammeln wie Weltmeister und Nagelhäute zum schmerzhaften  Einreissen bringen. Und so alles in einem Blutbad hinterlassen, von dem man meint, die ganze Sauerei stamme aus den Hinterlassenschaften eines trojanischen Krieges. Kein Wunder male ich meine immer rot an. In ihnen schlummert ein blutrünstiges Wesen, das mein allwissendes Ich, von dem ich selbst allerdings nicht wirklich viel weiss, mit der Farbe meines Nagellackes besänftigen will. Vielleicht passen rote Nägel auch einfach nur zu allem. Vor allem zu den frisch gefärbten roten Haaren. Aber egal. Fertig mit rot. Hauptsache, wir sehen immer toll geschniegelt und gestriegelt aus. Es lebe die Oberflächlichkeit! Da lohnt es sich echt, sich Gedanken drüber zu machen.

Fazit: Diese Horngebilde, totes, gefühlsloses Material, sind es eindeutig wert, in eine richtig, RICHTIG tiefe Identitätskrise zu fallen. Auf jeden Fall. Ohne Wiederrede. Pssst da unten, ohne Wiederrede sagte ich.

 
 
Zwei Typen, mit denen ich mich wirklich verbunden fühle. Sie sind so - nachdenklich.
Vor allem ihr Song, in dem sie über die wichtigste Frage im Leben philosophieren. Natürlich geht es um Haare (Does your hair go up, or does it go down? - Das nenn ich mal richtig philosophisch). Wie beruhigend, dass ich da nicht die Einzige bin.


Donnerstag, 7. November 2013

Brenn





Sie geht aus, weil sie auf der Suche ist. Sie ist auf der Suche nach anderen Poeten, die nachts vor ihre Türen treten, um die Sterne zu zählen und in den Gesichtern der tanzenden Menschenmasse neue Charaktere für ihre Geschichten zu finden. Sie sucht nach ihren Artgenossen, die die Schönheit der Welt mit denselben Augen wie sie bewundern, die rastlos nach Worten suchen, um diese zu beschreiben, nach Worten, die ihr diese Welt erklären können.
Sie wird immer angeschaut, egal wo sie ist, sie glaubt, es ist wegen ihrer Ausstrahlung.
Menschen beobachten sie aufmerksam, wenn sie mit ihr reden, so, als hätten sie Angst, sie könne demnächst ausbrechen und wilde Phrasen bellen, wie ein Hund, der eben noch in tiefsten Träumen schlummerte. Sie behandeln sie vorsichtig, als wäre sie ein anderes Wesen, zu sensibel, um ohne Handschuhe angefasst zu werden, zu sanft, um Worte böser Zungen ertragen zu können, zu dünnhäutig, um nicht bei einer harschen Bemerkung in tausend glitzernde Splitter zu bersten. Die Menschen senken ihren Blick, wenn sie ihre Augen sucht, sie haben Angst, ihre Gedanken, die sie wie einen Goldschatz hüten, an sie zu verlieren. Sie haben Angst, analysiert zu werden, wie ein Versuchsobjekt, Angst, zu viel von sich preiszugeben. Sie sind nicht böse, die Menschen, doch sie spüren, dass sie anders denkt, anders fühlt, anders sieht. Sie fürchten sich vor dem anderen. Sie gehen ihm aus dem Weg, werfen ihm nur einen hilflosen Blick zu, denn sie wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen. Sie ist anders.
Und sie schreibt und schreibt und schreibt, bis ihr alle Worte entflohen sind.
Wo sind die Menschen, die brennen? Wo sind die Menschen, die sich um nichts kümmern? Die einfach in den Tag hineinleben, und alles, was auf sie zukommt mit einer gewissen Gleichgültigkeit entgegennehmen? Wo sind die Menschen, deren Herzen  alleinig für die Poesie schlagen, deren einzige Nahrung aus Kaffee, Zigaretten und Büchern besteht? Wo sind die Lichter in der tiefen, dunklen Nacht, die ihr den Weg aus der Einsamkeit zeigen, der Einsamkeit, die sie schleichend vergiftet und langsam ihre immer schwächer glühende Flamme ausbläst, bis sie schliesslich ganz erlischt?
Ist sie denn ganz allein auf dieser Welt?


 
 

Donnerstag, 31. Oktober 2013

Favourite Quotes 1013

Kaum Zeit zum Lesen, doch was ich las, war Gold.

"Kurz waren die Tage, kurz waren die Nächte, jede Stunde floh schnell hinweg wie ein Segel auf dem Meere, unterm Segel ein Schiff voll von Schätzen, voll von Freuden. (...) Durch sein Auge lief Licht und Schatten, durch sein Herz lief Stern und Mond."

- Hermann Hesse, Siddharta


"'Freiheit' heisst der ewige Jingle unserer Zivilisation, doch haben nur diejenigen, die ihrer beraubt wurden, eine leise Ahnung, was es damit auf sich hat."

David Mitchell, Der Wolkenatlas


"And in the end, we were all just humans ... Drunk on the idea that love, only love, could heal our brokenness."

- F. Scott Fitzgerald

Sonntag, 20. Oktober 2013

Reiseführer für Erdfremde



Ich mag Aliens. Wenn uns einer besuchen würden, würde ich ihm liebend gerne unseren Planeten vorstellen, ihm alles über Mutter Erde erzählen. Zuerst müsste ich ihm die Krone der terrestrischen Schöpfung, das höchste aller hier hausenden Lebewesen näher bringen. Gestatten, der Mensch. Zweibeinig, aufrechter Gang, ein Gehirn, das weit mehr Synapsen in sich trägt als das gesamte Universum Sterne zu zählen vermag und so zu manch wilder Spinnerei und flausiger Idee neigt. Würde der/das Alien (tatsächlich sind laut Duden beide Varianten möglich, männlich und sächlich, wobei mir dies als überzeugte Feministin *hüstel* als eine äusserst ungleichberechtigende Lösung erscheint. Schliesslich weiss kein Mensch bis zur näheren Betrachtung des Ausserirdischen, ob er/sie/es überhaupt einem Geschlecht zugeteilt werden kann, oder wortwörtlich nichts in der Hose hat, wobei wir schon beim nächsten Punkt sind.) Also, würde die extraterrestrische Lebensform beim Anblick einer freizügig powackelnden Miley Cyrus o. Ä. lüstern seine gegebenenfalls vorhandenen Augenbrauen anheben, könnte ich beruhigt mein Aufklärungsbuch für 5. Klässler zuklappen, in den nächstbesten Mülleimer werfen und mir so die ganze Fortpflanzungsgeschichte ersparen, da sie sich ja anscheinend nicht nur auf unserem Planeten als beständigste Variante dem Aussterben entgegenzuwirken etabliert hat. Würde sich in des Aliens Gesicht keine Regung zeigen (Ich verwende der Einfachheitshalber ab nun die gerechteste Variante – Das Es), würde ich dies entweder darauf schliessen, dass es wohl schwul/frigide/zu jung für versaute Gedanken/treu verheiratet/ein heterosexuelles Weibchen sei, oder aber tiefseufzend feststellen, dass diese erdfremde Spezies tatsächlich geschlechtslos ist und sich auf mysteriöser Weise asexuell fortpflanzen würde. Also doch die ganze Bienchen-und-Blümchen-Erzählung. Schliesslich muss das Alien wissen, was der Grund allen Tun und Lassens des Menschen, der absolut triebgesteuerte Hintergrund allen Strebens, Lebenslust und –Frust ist.
Nächster Punkt der Führung über die Erde und seine freundlichen Bewohner. Die grossartige Geschichte, wie der Mensch das Zepter über alle Lebewesen ergriff und somit die ganze Weltherrschaft an sich riss, würde ich in ein, zwei Sätzen zusammenfassen. Und zwar folgendermassen: Da war ein Urmensch, der sich niederliess, sein eigenes Häuschen baute und merkwürdige Krümelchen in die trockene Erde steckte, aus welcher sich dann wie durch Zauberhand grüne, lebenspendende Pflanzen erhoben, die dem Urmenschen beim Verzehr genügend Energie schenkten, um wilde Tiere zu jagen und mit ihrem Fleisch andere Menschen zu ernähren, um sich herum zu versammeln und so ein ganzes Dorf, eine Stadt aufzubauen. Und dann, einige Jährchen später kam da ein Cäsar, dann irgendwann mal ein Napoleon und dann ein Hitler, alle drei grössenwahnsinnige und von Minderwertigkeitskomplexen gequälte, gar psychopatisch gefärbte Tyrannen, die die ihnen gegebene Herrschaft rigoros vergewaltigten, hunderte ihrer Untertanen in den kalten, ungerechtfertigten Tod schickten und so als Schwerverbrecher in die Weltgeschichte eingingen. Fertig mit dieser Weltgeschichte. Das Alien wäre so oder so nicht besonders interessiert am historischen Hintergrund unseres Planeten. Wieso sollte uns auch ein Alien aufgrund touristischer Interessen besuchen wollen? Schon mal einen Ausserirdischen mit Kamera und bis zum Knie reichenden Socken unter den Sandalen gesichtet, der irgendwelche antiken Bauwerke abknipst? Eben. Vielmehr würde es auf zahlreich vorkommende Rohstoffe hoffen, die es uns dann irgendwie frech abluchsen würde. Schliesslich gibt es für keine extraterrestrische Lebensform einen anderen Grund, solch einen lichtjahrtausendlangen Weg auf sich zu nehmen, als die Verarmung an Wasser, Erdöl und Platz des eigenen Planeten. Meiner Meinung nach zumindest. Wenn Aliens kommen, dann nicht in guter Absicht, sie kommen nur, um sich rücksichtslos zu holen, was sie brauchen. Egoismus ist nun mal nicht nur der Grundzug der Psyche eines jeden Menschen. Es ist der Grundzug der Psyche eines jeden Lebewesens, von welchem Planeten es auch kommen mag. Und deshalb würde mich das Alien über unsere Ressourcen, unsere Luftqualität und ähnlichem ausfragen, nur ganz beiläufig, um nicht den Eindruck zu erwecken, sich an unseren Bodenschätzen vergreifen zu wollen. Die Antwort, die ich ihm auf diese Frage geben würde, bedürfte einer ausschweifenden Vorbemerkung, die ich mir zuerst schön zusammenbüscheln müsste, weshalb ich das Alien erst einmal auf später vertrösten würde.  Zurück zu dem Vortrag, den ich dem Neuankömmling bieten würde, am besten begleitet von einer feschen Powerpoint Präsentation, gespickt mit willkürlich daher hüpfenden und wild rotierenden Titeln in gewagten Farbkombinationen. Die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten muss schliesslich gebührend visualisiert werden. Als nächster zu erwähnender Punkt, der mir gleichzeitig nach kurzer Überlegung als Vorbemerkung zur Beantwortung der Frage dieses Aliens diente, wäre da die aktuelle Lage unseres Planeten, die ich dem erdfremden Wesen erklären würde. Aber zuerst würde ich ihm unsere Welt beschreiben, wie sie damals, vor gar nicht allzu vielen Jahren, ausgesehen hat. Damals, als die Menschen sich noch in ihren eigenen Exkrementen labten, nur assen, was sie selbst angebaut hatten und sich ihre Kleider eigenhändig nähten. Mit eigens gewebten Stoffen. Aus Wolle ihrer eigenen Schafen. Selbst gescherten Schafen. Kurz, als die industrielle Revolution noch nicht mit ihren heissen, rastlosen Fingern um sich griff, die Leute mit Geldgier und das Land mit Abgasen der aufblühenden Globalisierung dieser ewig pulsierenden Welt verpestete, als Mutter Erde noch wie ein übergrosses Abbild der Venus mit üppigen, milchgefüllten Brüsten und gebärfreudigen Hüften vor Fruchtbarkeit und jungfräulicher Reinheit nur so strotzte.  Als die Erde noch rosig war, übersät von grünen Pflanzen und durchzogen von süsser Lieblichkeit, in welcher pausbäckige Kinder freudestrahlend Purzelbäume schlugen und Löwenzähne pusteten. Als sich der Hass noch nicht in den Gemütern der Gesellschaft eingenistet hat, von Eifersucht und verbissenem Perfektionismus zum Leben erweckt. Als die Welt anders war, nicht besser als heute, aber unschuldiger. Damals. Heute ist alles anders, diese Tage, an denen von allem irdischen Bestehen der süsse, honiggelbe Honig tropfte, gehören der Vergangenheit an, deren Existenz nur noch in unseren Memoiren ihrem Dasein fristet. Nun tropft da von der hämmernden Wirklichkeit nur noch ein kläglicher Rest schwarzen Erdöls aus den Tiefen der ausgebeuteten Mutter Erde, in welchem Smileys mit Dollarnoten als Augen und fettem Grinsen im Gesicht herumschwimmen.
„Und deshalb“, würde ich nach diesen langen Ausschweifungen meine Rede schliesslich beenden, „ist es uns nicht gewährt, dir etwas mit auf deinen Weg zu geben. Bei uns gibt es nichts mehr zu holen. Aber falls du einen reichen Planeten findest, du kennt ja unsere Koordinaten in der Milchstrasse.“ Dann würde ich ihm verschwörerisch zuzwinkern. Zweimal. Denn doppelt hält besser, verrät dennoch nichts von der Verzweiflung über die aussichtslose Lage, in welche wir unsere Heimat drängen, die sich langsam und schleichend in mir breit macht.
Und so würde das Alien verdrossen in sein Ufo steigen und davondüsen.