Man braucht nicht viel zum Glücklichsein: ein Versteck, gutes Gras, ein
Selbstgespräch und das Versprechen, dass alles so bleibt, wie es ist.
- Christoph Simon, Franz oder warum Antilopen nebeneinander laufen.
Ein Delfinschwarm begleitete unser Schiff. Vögel waren dort, Bambo, Vögel, das Blut
der Chiwa sang in unseren Adern. Ndafika. Ndakondwa. Und die blauen Augen
unserer Revolution brannten mit der notwendigen Grausamkeit.
- Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Wheels must turn steadily, but cannot turn untended. There must be men to
tend them, men as steady as the wheels upon their axles, sane men, obedient
men, stable in contentment.
Crying: My baby, my mother, my only, only love; groaning: My sin, my terrible
God; screaming with pain, muttering with fever, bemoaning old age and poverts -
how can they tend the wheels? And if they cannot tend the wheels... The corpses
of a thousand thousand thousand men and women would be hard to bury or burn.
- Aldous Huxley, Brave New World
Zwei rote, runde Lichter durchdrangen wie die Glotzaugen eines riesigen
Ungetüms die Dunkelheit. Ein blutiger Schein ging von ihnen her, der
Regentropfen in seinem Bereich in Blutstropfen verwandelte. Es war, als fiele
ein Blutregen vom Himmel.
- Gerhart
Hauptmann, Bahnwärter Thiel
"Die Freiheit existiert, und auch der Wille existiert; aber die
Willensfreiheit existiert nicht, denn ein Wille, der sich auf seine Freiheit
richtet, stösst ins Leere..." Man musste zugeben, dass er seine Worte bicht besser hätte wählen können, um
die Wasser zu trüben und seelische Verwirrung anzurichten.
--Thomas Mann, Mario und der Zauberer
Well, actually, I spat. Again and again. And then, whistling and
humming, I went back down the hill.
Eight months later, I slit Mr Ashok‘s throat.
Society, you're a crazy breed I hope you're not lonely without me Society, have mercy on me I hope you're not angry if I disagree
Sie
steht da, ein Glas mit stillem Wasser, dem all das sprudelnde Lebensgefühl
entwichen ist, in der einen Hand, die andere auf das metallene Balkongelände
gestützt. Vor ihr erstreckt sich die trostlose Skyline der Stadt, die es mit
ihren klar gesetzten rechtwinkligen Linien, die sich am Abendhimmel abzeichnen,
niemandem erlauben, eigene Fantasien über die Herrlichkeit dieser
facettenreichen Welt zu entwerfen. Sie fühlt sich wie das Wasser, welches sie
umklammert, falsch temperiert und schal im Geschmack. Sie hofft auf Regen, den
der Wetterbericht hervorgesagt hat. Regen macht alles nur noch grauer, die
Gemüter der Stadt gehetzter und die Aussichten auf das Zukünftige trüber. Aber
sie würde tanzen, tanzen im Regen, befreit von ihren beengenden Louboutins, den
immer gleichen Sorgen und dem quälenden Durst, der ihre Kehle sowie ihren
Verstand austrocknet und ihr so das Verfassen klarer Gedanken verbietet. Die
Musik, die der Regen spielt, das Prasseln, aggressiv, doch gleichzeitig
beruhigend, ist die schönste, die ihr je zu Ohren gekommen ist. Doch der Himmel strahlt wolkenlos über dem schweren Smog, der sich in den
letzten Jahren wie eine dicke, undurchdringliche Decke über die niemals ruhende
Metropole gelegt hat und sie in eine bedrückende, gar melancholische Stimmung
verfallen lässt.
Mit einer schnellen Handbewegung kippt sie den verbliebenen Inhalt ihres Glases
über das Balkongelände, streift ihre Schuhe ab, die sie am liebsten dem
langweiligen Wasser hinterherwerfen würde und trottet auf nacktem Fusse zurück
in ihr Appartement. Ein schönes Appartement, Toplage, Ausblick auf die ganze
Stadt, riesiger Balkon. Genug Platz für zwei oder gar drei, doch er hat die
Katze mit sich genommen und so bleibt nur noch sie, die sich an der modernen Einrichtung
erfreuen darf, welche sie jede Nacht, wenn sie sich nach sinnlosem Vor-sich-hin-vegetieren
endlich ins Bett begibt, in immer grösser werdenden Chaos versinken lässt. In
den Tiefen des Kühlschrankes findet sie hinter geräuchertem Lachs und
eingelegten Essiggurken die heissbegehrte Flasche Mineralwasser, von deren
sprudelnder Flüssigkeit sie sich einen Weg zurück ins Leben verspricht. Gierig greift
sie nach der Flasche und reisst ihren Verschluss auf. Sie
kommt sich vor wie ein Alkoholiker auf Entzug, der im nächsten Moment zuckend zusammenkrachen
wird, gelangt er nicht demnächst an seine Droge, die gleichzeitig als
Heilmittel und Trostspender fungiert. War sie schon jemals betrunken gewesen?
Sie kann sich nicht daran erinnern, irgendwann aus dem Rahmen getreten zu sein,
den ihr diese Gesellschaft vorschreibt. Bevor sie den kühlen Flaschenrand an
ihre trockenen Lippen setzen kann, fällt ihr Blick auf eine geöffnete Dose
Ananas, die wohl schon vor Ewigkeiten fälschlicherweise ins Gemüsefach eingeräumt
worden war und ihrem vergessenen Dasein nun neben Tomaten und Blumenkohl
fristet. Ananas. Ein schneeweisses Schimmelgeflecht sitzt frech auf dem
obersten, goldgelben Ring und verpasst ihm ein verdorbenes Antlitz, das die
ganze Welt zu verpesten scheint. Sanft streicht sie über den Schriftzug der
abgegriffenen Etikette, die sich über die Dose spannt. Sie kann ihn nicht
entziffern, merkwürdige Zeichen tanzen auf dem laminierten Papier, fesseln
ihren Blick. Spanisch. Spanien. Bilder, von Sonne durchflutet, erscheinen vor
ihrem inneren Auge, Strand, Meer, Lebensfreude. In Gedanken an diese andere
Welt versunken hebt sie die Flasche und beklaut sie gierig eines grossen
Schluckes. Zischend rinnt das flüssige Lebenselixier ihre Kehle hinunter und
trifft wie die Massen eines Wasserfalles tosend in ihrem Magen auf, von wo es
sich wie ein Lauffeuer in ihrem ganzen Körper ausbreitet. Die Kohlensäure
belebt sie augenblicklich, schärft ihre Sinne, weckt in ihr verlorengeglaubte
Gefühle und Erinnerungen. Sie spürt förmlich, wie sich ihre Pupillen um Welten
weiten, auch wenn diese Welten wohl nur einige stecknadelkopfgross sind. Die
Blubberbläschen rauschen wild zischend in ihre Blutbahnen, wo sie kreischend
zerplatzen und in tausend kleine, vor Lebenslust heftig pochende Herzen
verwandeln, die sich in ihrem grauen, schwachen Körper ausbreiten, ihn zu einer
aufblühenden Knospe wandeln und dann allesamt in die schwache, ausgelaugte Mitte
dieses Körpers strömen, um dort wie ein Feuerwerk unter lautem Getöse zu
explodieren.
Ihr verwesendes Herz regt sich, streckt sich, gähnt, als wäre es eben aus einem
tiefen Winterschlaf aufgewacht, öffnet seine Augen und entsinnt sich seiner
Aufgabe, der es schon seit geraumer Zeit nicht mehr nachgegangen ist.
Und es fängt wieder Feuer.
Bumm.
Eigentlich hasst sie es, zu fliegen.Nicht einmal einen Fensterplatz hat sie bekommen, auch wenn
sie extra früher als nötig aufgestanden ist, um den von Geschäftsleuten
vollgestopften Zug zum Flughafen zu nehmen, nur für einen Fensterplatz in
erlösender Abschottung der nervenden Flugpassagieren. Dabei hasst sie diese
geldverfressenen Finanzhyänen. Vor allem, weil sie selbst bis gestern auch zu ihrer
Art gehört hat, formal zumindest. Aber das frühe Aufstehen hat wohl nichts
gebracht. Sie sitzt mittendrin in diesem Brei ihrer zivilisationsverwöhnten Artgenossen,
sie kann deren vergorenen Atem riechen, deren eingerosteten Herzschlag hören. An
diesen ovalen Fensterchen am Rande der reisenden Menschenmasse, die das
eigentlich leblose Metallkonstrukt zu einem pulsierenden Organ wandelt, verfügt
man immerhin über ein bisschen Privatsphäre, hat gute Chancen, von der Hostess
ignoriert und von dem einzigen Sitznachbarn in Ruhe gelassen zu werden. Aber
das Beste ist, dass man die ganzen Wolkenberge an sich vorbeiziehen sieht. Sie
mag Regen, und Wolken sind die Heimat dieser erfrischenden Tropfen. Sie liebt
Wolken. Wie sie sich flauschig aufbauschen, zu Wolkenschlössern, ganzen
Wolkenwelten, Wolkenuniversen wandeln.
Zu ihrer Rechten hat es sich ein älterer Herr bequem gemacht. Er ist so breit
wie hoch, im Sitzen zumindest, eine menschliche Kugel sozusagen. Nur der Sitz,
der eindeutig für andere Dimensionen geschaffen wurde, hindert ihn daran,
davonzurollen. Er ist wie ein Kugelfisch, der fälschlicherweise in eine Dose
öliger Sardinen eingelegt wurde, er sprengt den Rahmen und sie erachtet es
nicht gerade als vorteilhaft, direkt neben ihm zu sitzen. Laut ihrer kleinen
Metapher einer versalzenen Sardine zu entsprechen, gefällt ihr aber auch nicht
besser. Neben seinen enormen physischen Ausmassen verfügt er aber auch noch
über andere Expansionsgelüste. Auf dem kleinen Klapptischchen, das seine Wampe
einklemmt, hat er Chipstüten, billige Schandmagazine und haufenweise Schokoriegel
zu Stapeln aufgebaut, die den Anschein haben, ihr bald auf den Schoss zu
springen. Er widert sie an, ihr konsumverfressener Nachbar, der sich in eigens
verschuldete Verblödung stürzt.
Den Fensterplatz hat ihr ein junger Mann frech vor der Nase weggeschnappt. Sie
ist nicht gut darin das Alter fremder Leute zu schätzen, die ihr erst vor einigen
Minuten unter die Augen getreten sind, deshalb lässt sie es gleich ganz bleiben.
Sie hält sich lieber an den Fakten fest, die sie beobachten, und sich so in der
Sicherheit ihrer Korrektheit wiegen kann. Der Typ trägt einen gestreiften
Strickpullover und ausgelatschte Stoffschuhe, seine langen Haare sind straff am
Hinterkopf zusammengebunden. Bestimmt isst er nichts, was einen Schatten wirft,
denkt sie amüsiert. Ein Jüngling auf dem Ökotrip. Aus seinen Kopfhörern dringt
Musik, sie könnte schwören, es ist Electro-swing. Genervt vom Kindergeschrei
aus den hinteren Sitzreihen, das selbst seine alternativen Beats zu übertönen
vermag, wendet er sich ab und blickt sichtlich genervt aus dem Fenster. In sein
kleines Notizbüchlein schreibt er unleserliche Gedankenfetzen nieder, die ihm
durch den Schädel flitzen, seine Synapsen zum Nachdenken verführen und seine
Kreativität auf Hochtouren bringt.
Eingequetscht wie sie ist, muss sie wieder an die vergorene Ananas in der Dose
denken. Wie abscheulich sie gerochen hat. Am liebsten hätte sie den Schimmel,
der aufsässig auf der südländischen Frucht gehockt hatte, gestreichelt, nur um
zu testen, ob er auch so flauschig weich ist, wie er aussah. Sie war fasziniert
von diesem schneeweissen Geflecht, das sie wachgerüttelt und ihr gezeigt hat,
wie verloren ihre Situation war. „Ha!“, hat der Schimmel gerufen. „Du
hast dein verdammtes Leben nicht unter Kontrolle, lässt einfach eine unschuldige
Ananas vergammeln, die so weit gereist ist, um verspachtelt zu werden.
Unmensch! Nimm das!“
Und dann hat er ihr seine kontagiösen Sporen ins Gesicht gespuckt, dieser
ökologische Schimmel mit äusserst ausgeprägtem Umweltbewusstsein, genau zwischen
die Augen, und sie verwandelte sich selbst zu einem riesigen moralpredigenden Schimmelpilz,
der sich seines gigantischem ökologischen Fussabdruckes bewusst war. In ihrer
Fantasie zumindest. Wie sie ihr die Augen geöffnet hat, diese verschimmelte
Ananas. In ihr bringt ein heimliches Vorhaben ihr Herz zum Schlagen, immer
lauter, immer schneller.
Bumm. Bumm. Bu-Bumm.
Sie
will nur da sein, irgendwo da draussen, allein, ohne nichts, ohne niemanden,
nur Bäche, Berge, Wiesen, nur Sand, flimmernde Hitze, züngelnde Schlangen, nur
Pelikane, Lianen, tropischer Wald. Die Natur ist ihre Droge, der einzige
Ausweg, der verdorbenen Gesellschaft zu entfliehen. Aber da sind überall Menschen.
Wohin sie auch blickt. Menschen. Überall. Wie Ungeziefer bevölkern sie die
einst einsame Natur, bebauen sie, zerstören sie. Menschen. Sie sitzen auf
Parkbänken und verschlingen die vor Fett triefenden Hamburger, die sie um die
Ecke erworben haben, hinterlassen nichts als riesige Abfallberge, die dann der
Wind in alle Ecken und Winkel der Welt treibt. Menschen. Sie reiten in der
Stadt in Tram und Metro, in der Wüste auf Kamelen, im Regenwald auf Elefanten,
im Ozean auf Delfinen. Sie erklimmen den Eiffelturm, steigen auf die Pyramiden
von Gizeh, schlendern der Chinesischen Mauer entlang. Touristen. Sie zahlen und
zahlen und zahlen, doch hinterlassen dennoch nichts als Armut und Leid. Und sie
gehört auch zu ihnen, kann sich nicht von den Massen losreissen, die sie in die
Welt des Konsums ziehen.
Sie reist. Sie reist und reist. Mit dem Flugzeug, dem Zug, mit Bus und Taxi,
Rikscha, Tuk-Tuk und Gondel. Doch sie kommt nicht los von diesem Gefühl, es
hält sie gefangen, gibt sie nicht her. Die anfängliche Euphorie, die ihr die
vergorene Ananas in den Kopf gesetzt hat, verfliegt langsam, je länger sie
unterwegs ist. Geld. Für alles braucht sie Geld. Sie kommt rum, doch sie kommt
nicht an.
Ein grosser Berg türmt sich vor ihr auf, hinterlegt von einem prächtigen
Sonnenuntergang, der den mächtigen Himmel in die kitschigsten Farbgeschwülste
taucht. Sie klettert ihn hoch, diesen Berg, doch er wird immer höher, immer
steiler, ihre Sohlen finden keinen Halt mehr auf dem losen Geröll, das wie
Tränen unter ihren Füssen in den bedrohlichen Abgrund hinabkullert. Sie stolpert,
immer wieder, fängt sich mitihren
Händen auf, kraxelt den steilen Hang auf allen Vieren empor, den Blick nie von
ihrem Ziel, der Bergspitze, abgewendet. Sie läuft immer schneller, aber der
Gipfel tritt ihr keinen Schritt näher. Die untergehende Sonne blendet sie, doch
zuoberst erkennt sie die Silhouette eines überdimensionierten Hasen, der ihr
den Rücken zukehrend seinen Blick über den Abgrund, der sich vor ihm erstreckt,
schweifen lässt. Seine Ohren zucken, die Schnurhaare zittern. Sie will wissen,
was er sieht, was sich auf der anderen Seite des Berges befindet.
„Qui suis-je?“, ruft der pathetische Hase verzweifelt ins Tal, die Berge werfen
sich seine Frage noch einige Male hin und her, als wäre sie ein heisser Ball,
den es weiterzugeben gilt. Sie erreicht das pelzige Geschöpf, legt ihm ihren
Arm tröstend um die Schulter. Das desillusionierte Wesen blickt zu ihr, ein
scheuer Blick voller Schmerz. Eine blutrote Träne entrinnt seinem glasigen Auge
und ehe sie endlich einen Blick auf den Abgrund vor ihr erhaschen kann, stirbt
der Hase in ihren Armen und zerfällt augenblicklich zu Staub, den die Windböen
wispernd mit sich davontragen. Und sie steht alleine da, zuoberst oben, auf der
Spitze der Welt. Sie dreht sich und dreht sich, streckt ihre Arme aus, wirft
den Kopf lachend in den Nacken und blickt in die unergründlichen Tiefen des
wolkenlosen Himmels.
Vor ihren Augen sieht sie ihr Leben an sich vorbeiziehen, ihr ganzes Leben, im
Zeitraffer läuft es rückwärts an ihr vorbei, sie ist wieder ein Kind,
Regenwurm, Ferien am Strand, Kuchenbacken, die Stimme ihrer Mutter, wie sie sie
sanft in den Schlaf singt. Sie kann nicht mehr laufen, brabbelt wilde Phrasen,
verliert ihre Stimme, Plüschtier, Fläschchen, volle Windeln. Klein und schwach,
ausatmen, einatmen, Luft, Licht. Ein Schrei. Und dann sieht sie das Leben der
Welt, das ganze Leben dieser Welt, der grossen mächtigen Welt, bevor die
Menschen sie unter ihre Fittiche nahmen. Zischende Vulkane, vom ewigen Regen
zum Schweigen gebracht, sprudelnde Quellen, wuchernde Pflanzen, Leben, Leben,
Leben. Und plötzlich weiss sie, was sie zu tun hat.
Sie steht in ihrem Appartement, allein gelassen von allen, die sie einst liebte,
alleine, da sie sich von allem abgewendet hat, was der gesellschaftlichen Norm
entspricht, allein, weil sie allein sein will. Und sie will nichts
zurücklassen. Sie will die Spuren ihres alten Lebens vernichten. Noch sitzt das
Flämmlein ruhig auf der Spitze des Streichholzes, doch als es fällt, wächst
sein Hunger, es labt sich an Boden, Möbel, Decke und wächst zu einem qualmenden
Feuermeer. Brenn, Welt, brenn, und verschling alles mit deinen wild züngelnden
Flammen. Brenn, Geld, brenn, und nimm der Gesellschaft diese schreckliche
Krankheit, die Sucht nach Macht und Stärke. Brenn, brenn, und hör nicht auf,
ehe nichts als Dunst und Schaum deines alten Antlitzes übrig bleibt.
Hinter ihr vertilgt die Feuersbrunst alles, was sie einst ihr Eigen nannte, sie
schliesst die Wohnungstür hinter sich ab und steigt mit einem zufriedenen
Grinsen auf dem Gesicht die Treppenstufen zu ihrem neuen Leben hinab.
Sie plant nichts, legt einfach los, nimmt nichts mit, ausser ihrem Herzen, das
sie lenken wird und ihrem gesunden Menschenverstand, auch wenn der von der restlichen
Weltbevölkerung nicht als gesund bezeichnet werden würde. Ein neuer Versuch.
Sie reist. Sie reist und reist. Zuerst mit Flugzeug, Zug und Bus, dann per
Anhalter, irgendwann mit nichts anderem als ihren eigenen beiden Füssen. Allmähliche
Vereinsamung, daherschleichende Isolation. Langsam reisst sie sich los. Sie ist
allein. Endlich. Unberührte Natur, Plätze, die noch kein Menschenauge
betrachtet hat. Sie kennt keine Worte für diese Schönheit. Ihr Tagebuch bleibt
leer. Bald knistern seine Seiten im abendlichen Lagerfeuer. Ihr Herz kreischt
und lacht, aalt sich in einem verrückten Gefühlscocktail, der es in
euphorischer Ekstase tanzen lässt.
Bumm. Bumm. Bumm.
Bu-Bumm Bu-Bumm Bu-Bumm. Bu-Bumm.
Immer unterwegs. Nie da, nie dort. Lange Nächte, kurze Tage, Sonnenaufgänge,
Sonnenuntergänge. Jagen, Fischen, Pflücken. Einmannpartys, Tanz ums Feuer. Schnee.
Sternschnuppen, grüne Lichtschwaden, die nervös am Nachthimmel zucken. Tiere
flüstern ihr ihre Träume zu. Vögel fliegen davon und reissen sich von ihren
Wurzeln los. Die Endlosigkeit des Meeres. Ganz allein, nur sie und die Natur,
erbarmungslos, doch gleichzeitig gerecht, gerecht in ihrer eigenen Logik.
Wunderschön.
Freiheit.
Glück.
Vervollkommnung.
Alles, was ihr Herz begehrt.
Und dann zerspringt es.
BUMM.
Filmriss.
Heisse Luft strömt in ihre Lungenflügel, plustert diese auf, japsend ringt sie
um Sauerstoff. Die Luft reinigt ihren Verstand vom Schwindel und den wirren
Bildern, mindert die Schmerzen ihres zertrümmerten Herzens. Panisch blickt sie
um sich. Offener Kühlschrank. In einer Hand eine leere Glasflasche, in der
anderen die abgegriffene Dose. Wasser um ihre nackten Füsse. Sie braucht einen
Moment, um zu realisieren, was eben passiert ist. Langsam lichtet sich der
Nebel in ihren Hirnwindungen, auch wenn ihr Kopf höllisch pocht und ihr die
Realität nicht minder Schmerzen zufügt. Noch leicht benebelt stellt sie die Flasche
auf die Ablage und blickt suchend nach einem Lappen, um die Wasserlache
aufzuwischen. Eher zufällig als mit Absicht wirft sie einen Blick in die Dose.
Der Schimmel blickt ihr direkt in die Augen und bleibt dort wie ein lästiger
Bienenstachel hängen.
„Unmensch!“, ruft der verrückte Schimmel und spuckt sie an, diesmal aber wirklich,
nicht nur in ihrer Fantasie. Die Sporen fliegen durch die Luft und stürzen sich
wie wild brüllende Barbaren bei der Kaperung eines Schiffes auf hoher See auf
sie, stürmen ihre Haut, durchbeissen sie und suchen sich ihren Weg in ihr
Inneres, versetzen ihre Blutbahnen mit tödlichem Gift. Ihr Herz reagiert auf
die Fremdkörper, schlägt, als wolle es der Bedrohung davongaloppieren.
Bumm-Bumm-Bumm.
Sie kann nicht fliehen, ihr entweicht alle Kraft und alle Denkfähigkeit, unter
ihr knicken die Beine weg, langsam geht sie zu Boden. Weisse Flechten
überziehen ihre Haut, sie schimmelt, verwandelt sich in ein Schimmelmonster,
weiss, alles weiss.
Hinter ihr geht das Appartement in Flammen auf, in echte, glühend heisse
Flammen, sie fressen sich an den Vorhängen hoch und wandeln ihr Heim in ein
brennendes Teufelskabinett. Mit trübem Blick erkennt sie ihren eigenen
Schatten, den die Flammen hinter ihrem Rücken werfen lassen. Eine unbekannte
Kraft, die tief in ihrem Inneren erwacht, lässt sie fluchtartig nach vorne
kriechen. Sie muss sie überqueren, diese Grenze, die ihr eigener Schatten
definiert.
„Du kannst dieser Welt nicht entfliehen!“, kreischt der Schimmel auf der
Ananas, bevor er im nächsten Moment von flammenden Zungen zum Schweigen
gebracht wird.
Ihr Herz krümmt sich, windet sich schmerzhaft in ihrem einengenden Brustkorb.
Bumm.
Mit letzter Kraft robbt sie nach vorne, sie will weg, weg von den Flammen, weg,
über ihren Schatten hinaus.
Bumm.
Doch es gelingt ihr nicht.
Bu-
Es war ihr
Plan gewesen, von Anfang an.
Ich war ihr schon längst mit Herz und Seele verfallen, doch sie wollte mehr,
sie dürstete nach mir, wollte mich mit Haut und Haar vertilgen.
Sie hatte mein Schiff verschlungen, es mit bestechender Schnelligkeit in ihre
unersättliche Tiefe gezogen.
Und ich sass da. In meinem Rettungsboot, allein. Und schaute dem Spektakel zu.
Wie unglaublich hungrig sie war und wie riesig ihr gieriger Schlund.
Es ist schmerzhaft, jemanden gehen zu lassen. Für immer verschwunden bleiben
die Gedanken an Geliebte nur noch in verblassenden Erinnerungen zurück. Sie
verschwimmen wie die Druckerschwärze der für die Ewigkeit gedruckten Zeichen
eines Buches, das mit bedächtiger Ruhe in die Dunkelheit tiefer See gleitet.
So viele verlorene Seelen.
Ich weinte tagelang.
Der Horizont war nichts als eine weit entfernte, monoton verlaufende Linie, die
Blau von Blau trennte. Eine Linie, die mich in den stillen Wahnsinn treiben
wollte. Doch ich trieb ihr in meiner Nussschale nur entgegen, der Tatsache
gewiss, dieser Grenze nie ein Quäntchen näher zu treten.
Der Hunger hetzte meinen Magen gegen mich auf, die Hitze schenkte mir bunte
Bilder, von denen keines meine reale, heimtückische Feindin widerspiegelte.
Kinderlachen und Glockenspiele weckten mich, wenn ich eindöste, doch es waren nur
die vorbeiziehenden Fische, die mich auslachten, da ich nun wie sie gefangen
war, ein Opfer der verlockend rauschenden See.
Die Hoffnungslosigkeit, in welcher ich mich wand, und die Einsamkeit verwandelten
mich in eine fischzerfleischenden Bestie, die unter dem beinahe unendlichen
Himmel langsam vor sich hinsiechte und der unausweichlichen Erscheinung der
Sterblichkeit in die düsteren Augen blickte.
Egal, ob sie ihre Wellen ungezähmt tanzen liess oder zur spiegelglatten See
verebbte, sie wartete nur darauf, dass ich der Versuchung erlag und von ihrer
köstlichen Tödlichkeit schlürfte.
Doch ich widerstand.
Tag für Tag. Für Tag.
Sie verzerrte meinen Geist zu einer schrecklichen Grimasse.
Als sich der Horizont entschloss, mir in der Ferne Sicht auf rettendes Land zu
schenken, glühte mein Herz, doch nicht vor unbändiger Freude. Mein geschundenes
Herz war von all dem Schmerz zu einem bizarren Gebilde geknotet, unfähig, Liebe
zu verspüren.
Später zeigte man mir Bilder. Ein algenüberwuchertes Wrack, mehr war nicht
übrig. Fische nisteten sich in verrottende Kabinen und Sälen ein, das Salzwasser
zerfrass alles, was noch nicht verloren war und ich versuchte zu vergessen,
dass meine ganze Vergangenheit auf den Grund des weiten Meeres gelaufen war und
dort für immer in Unsterblichkeit weilte.
Die See hatte ihren Tribut gefordert.
Doch ich war ihr entronnen.
Die Schneefrau hatte ihr Leben satt. Tagein tagaus musste
sie sich in dieser Schweinekälte ihren Schneepo abfrieren. Ihr toller
Erschaffer hatte es nicht für nötig empfunden, zwei anständige Füsse für sie zu
bauen oder wenigstens ein Paar Schlittschuhe oder einen Schlitten unter ihren
Rumpf zu setzen, so dass sie in die ersehnte Wärme fliehen könnte. Das mit
ihrem Erschaffer ist sowieso so eine Sache. Er war ein Junggeselle, nicht
besonders hübsch, wie sie bemerkte, als er ihr zwei Kieselsteine in den Schädel
drückte und ihr somit verhalf, das Licht der Welt zu erblicken. Und vor allem
musste er sehr einsam gewesen sein, wieso hätte er sie, die Schneefrau, auch
sonst erbauen sollen? Er musste wohl verzweifelt auf der Suche nach einem
Weibsbild, das ihn vergötterte, gewesen sein. Ein richtig fesches Frauenzimmer
musste das sein, wie in den billigen Menschenzeitschriften. Eine pralle
Oberweite hatte er ihr verpasst und noch dazu ein mächtiges Sitzfleisch,
dazwischen eine Wespentaille, die den stolzen Oberkörper kaum zu stützen
vermochte. Das alles hatte er in einen roten Bikini verpackt, der sie leicht
obszön aussehen liess. Obwohl sie ja eigentlich nur Schnee war. Eigentlich
verübelte sie ihm diese Aufmachung nicht sonderlich, schon einige Füchse und
Marder hatten ihr bewundernd hinterhergepfiffen, als sie im nächtlichen
Rundgang um die Menschensiedlung nach etwas Futter gesucht hatten.
Aber eben, ihr Erschaffer muss wirklich verzweifelt gewesen sein. Nachdem er
sie unter lauten Schluchzern und „Wieso?!“-Rufen erbaut hatte, hatte er sein Werk
kaum richtig betrachtet und sich stattdessen die Pistole in den Mund gesteckt.
Es war Verzweiflung pur, die da in Form von rotem Saft aus seinem übel
zugerichteten Gesicht in alle Himmelsrichtungen gespritzt war. Einige Tropfen
waren schön ordentlich auf die Wangen der Schneefrau geflogen. Sie füllte sich
sofort etwas menschlicher mit diesem Menschensaft in ihrem kalten Gesicht, vor
allem als das niedliche rothaarige Mädchen vorbeigesprungen kam, denn sie war auch
ganz rotgesprenkelt in ihrem Gesicht, was sie noch niedlicher und somit
liebenswerter machte. Nun ja, als das Mädchen diese lustigen roten Pünktchen
auf den Wangen der Schneefrau erblickte und dann den malträtierten Junggesellen
im Schnee erkannte, ist es kreischend davongerannt. Einen Tag später sind dann
einige Männer aufgetaucht, haben den tiefschlummernden Junggesellen
weggetragen, und die Schneefrau ganz alleine in ihrem roten Bikini stehen
gelassen. Nur ein paar Fotos haben sie von ihr gemacht und dann waren sie weg.
Eigentlich wäre es ihr lieber gewesen, sie hätten gleich den ganzen Bikini von
ihrem Leib gerissen, denn lieber stände sie in ihrer puren Blässe als mit
diesem leicht provozierendem Stück Stoff da. Ihr wurden die notgeilen Füchse,
die sie manchmal sogar schon anpinkelten, um den anderen zu vermitteln, dass
diese Braut bereits vergeben war, langsam doch etwas zu aufdringlich. Aber
diese Menschen dachten nicht daran, sie von dem schandhaften Stückchen Stoff zu
befreien.
Wie gesagt, so stand sie tagein tagaus in dieser Schweinekälte, beobachtete die
Sonne, wie sie aufging, ihre Runde drehte und sich wieder verabschiedete. Wilde
Gedanken kamen ihr in den Sinn. Zum Beispiel, wieso sie denn nicht als
konventionelleren Schneemann auf die Welt gekommen war. Dann würde bestimmt
niemand so glotzen, wenn er an ihr vorbeiging. Zum Leidwesen der Schneefrau war
sie nämlich direkt an einer nicht minder befahrenen Strasse erbaut worden.
Scheissplatz. Tausend dämliche Fratzen begafften sie und fragten sich, was wohl
ihr Sinn und Zweck war. Wieso sie diese unnötigen Sommersprossen im Gesicht
trug. Und wieso dieser Haufen Schnee überhaupt in die Form einer Frau gepresst
worden war. Und was dieser Bikini da eigentlich sollte. War ihr Erbauer wohl
eine Feministin, die sich gegen den viel populäreren und somit leicht
unterdrückenden Schneemann aufbegehren wollte? Oder doch eher ein Exzentriker,
ein Künstler vielleicht, der mit dieser Statur irgendjemandem irgendetwas ganz
gewisses vermitteln wollte, was aber niemand verstand, so wie die
Normalsterblichen nie einen Künstler begreifen können?
Doch niemand kam auf die Idee, dass sie, die Schneefrau, von einem
verzweifelten Junggesellen stammte, der sich aus seiner Einsamkeit die Kugel
gegeben hat. Das gab ihr weiteres Gedankenfutter. Wieso hatte der Junggeselle
nicht seine Zwillingsseele auf Erden gefunden? Wird das Glück etwa so
unregelmässig gestreut? Wieso brachten sich Menschen überhaupt um? Und wieso
wurde dieses Thema trotz ihrer allgegenwärtigen Existenz so mühselig unter den
Teppich gekehrt? Wollte man die restliche Bevölkerung etwa vor einem schlechten
Gewissen schützen, da ihr irgendwann klar werden würde, dass im Grunde sie an
der Unglückseligkeit der Selbstmörder Schuld war? Und wieso verdammt heisst es
Schneemann und nicht Schneemensch, sollte ein zusammengepappter Haufen Schnee aus
pädagogischen Gründen nicht einfach geschlechtslos sein?
Bei all diesen wilden Gedanken stieg der Schneefrau die Hitze ins Gesicht,
richtige Schweissausbrüche überkamen sie, und zum ersten Mal in ihrem jungen
Dasein erkannte sie, dass sich ihre anatomischen Eigenschaften nicht wirklich
gut mit plötzlich daher galoppierendem Temperaturaufschwung verstanden. Langsam
schmolz sie dahin und hinterliess nichts als den roten Bikini, der schlaff auf
dem Boden liegen blieb. Ihre Gedanken hingegen diffundierten in unknackbarem
Code verschlüsselt in die Luft und waren seitdem nie wieder gedacht. Und das
war auch höchste Zeit, denn dieses unnötige Geschichtchen braucht dringend
einen fetten Schlusspunkt.