Mittwoch, 5. Februar 2014

Die Schneefrau



Die Schneefrau hatte ihr Leben satt. Tagein tagaus musste sie sich in dieser Schweinekälte ihren Schneepo abfrieren. Ihr toller Erschaffer hatte es nicht für nötig empfunden, zwei anständige Füsse für sie zu bauen oder wenigstens ein Paar Schlittschuhe oder einen Schlitten unter ihren Rumpf zu setzen, so dass sie in die ersehnte Wärme fliehen könnte. Das mit ihrem Erschaffer ist sowieso so eine Sache. Er war ein Junggeselle, nicht besonders hübsch, wie sie bemerkte, als er ihr zwei Kieselsteine in den Schädel drückte und ihr somit verhalf, das Licht der Welt zu erblicken. Und vor allem musste er sehr einsam gewesen sein, wieso hätte er sie, die Schneefrau, auch sonst erbauen sollen? Er musste wohl verzweifelt auf der Suche nach einem Weibsbild, das ihn vergötterte, gewesen sein. Ein richtig fesches Frauenzimmer musste das sein, wie in den billigen Menschenzeitschriften. Eine pralle Oberweite hatte er ihr verpasst und noch dazu ein mächtiges Sitzfleisch, dazwischen eine Wespentaille, die den stolzen Oberkörper kaum zu stützen vermochte. Das alles hatte er in einen roten Bikini verpackt, der sie leicht obszön aussehen liess. Obwohl sie ja eigentlich nur Schnee war. Eigentlich verübelte sie ihm diese Aufmachung nicht sonderlich, schon einige Füchse und Marder hatten ihr bewundernd hinterhergepfiffen, als sie im nächtlichen Rundgang um die Menschensiedlung nach etwas Futter gesucht hatten.
Aber eben, ihr Erschaffer muss wirklich verzweifelt gewesen sein. Nachdem er sie unter lauten Schluchzern und „Wieso?!“-Rufen erbaut hatte, hatte er sein Werk kaum richtig betrachtet und sich stattdessen die Pistole in den Mund gesteckt. Es war Verzweiflung pur, die da in Form von rotem Saft aus seinem übel zugerichteten Gesicht in alle Himmelsrichtungen gespritzt war. Einige Tropfen waren schön ordentlich auf die Wangen der Schneefrau geflogen. Sie füllte sich sofort etwas menschlicher mit diesem Menschensaft in ihrem kalten Gesicht, vor allem als das niedliche rothaarige Mädchen vorbeigesprungen kam, denn sie war auch ganz rotgesprenkelt in ihrem Gesicht, was sie noch niedlicher und somit liebenswerter machte. Nun ja, als das Mädchen diese lustigen roten Pünktchen auf den Wangen der Schneefrau erblickte und dann den malträtierten Junggesellen im Schnee erkannte, ist es kreischend davongerannt. Einen Tag später sind dann einige Männer aufgetaucht, haben den tiefschlummernden Junggesellen weggetragen, und die Schneefrau ganz alleine in ihrem roten Bikini stehen gelassen. Nur ein paar Fotos haben sie von ihr gemacht und dann waren sie weg. Eigentlich wäre es ihr lieber gewesen, sie hätten gleich den ganzen Bikini von ihrem Leib gerissen, denn lieber stände sie in ihrer puren Blässe als mit diesem leicht provozierendem Stück Stoff da. Ihr wurden die notgeilen Füchse, die sie manchmal sogar schon anpinkelten, um den anderen zu vermitteln, dass diese Braut bereits vergeben war, langsam doch etwas zu aufdringlich. Aber diese Menschen dachten nicht daran, sie von dem schandhaften Stückchen Stoff zu befreien.

Wie gesagt, so stand sie tagein tagaus in dieser Schweinekälte, beobachtete die Sonne, wie sie aufging, ihre Runde drehte und sich wieder verabschiedete. Wilde Gedanken kamen ihr in den Sinn. Zum Beispiel, wieso sie denn nicht als konventionelleren Schneemann auf die Welt gekommen war. Dann würde bestimmt niemand so glotzen, wenn er an ihr vorbeiging. Zum Leidwesen der Schneefrau war sie nämlich direkt an einer nicht minder befahrenen Strasse erbaut worden. Scheissplatz. Tausend dämliche Fratzen begafften sie und fragten sich, was wohl ihr Sinn und Zweck war. Wieso sie diese unnötigen Sommersprossen im Gesicht trug. Und wieso dieser Haufen Schnee überhaupt in die Form einer Frau gepresst worden war. Und was dieser Bikini da eigentlich sollte. War ihr Erbauer wohl eine Feministin, die sich gegen den viel populäreren und somit leicht unterdrückenden Schneemann aufbegehren wollte? Oder doch eher ein Exzentriker, ein Künstler vielleicht, der mit dieser Statur irgendjemandem irgendetwas ganz gewisses vermitteln wollte, was aber niemand verstand, so wie die Normalsterblichen nie einen Künstler begreifen können?
Doch niemand kam auf die Idee, dass sie, die Schneefrau, von einem verzweifelten Junggesellen stammte, der sich aus seiner Einsamkeit die Kugel gegeben hat. Das gab ihr weiteres Gedankenfutter. Wieso hatte der Junggeselle nicht seine Zwillingsseele auf Erden gefunden? Wird das Glück etwa so unregelmässig gestreut? Wieso brachten sich Menschen überhaupt um? Und wieso wurde dieses Thema trotz ihrer allgegenwärtigen Existenz so mühselig unter den Teppich gekehrt? Wollte man die restliche Bevölkerung etwa vor einem schlechten Gewissen schützen, da ihr irgendwann klar werden würde, dass im Grunde sie an der Unglückseligkeit der Selbstmörder Schuld war? Und wieso verdammt heisst es Schneemann und nicht Schneemensch, sollte ein zusammengepappter Haufen Schnee aus pädagogischen Gründen nicht einfach geschlechtslos sein?

Bei all diesen wilden Gedanken stieg der Schneefrau die Hitze ins Gesicht, richtige Schweissausbrüche überkamen sie, und zum ersten Mal in ihrem jungen Dasein erkannte sie, dass sich ihre anatomischen Eigenschaften nicht wirklich gut mit plötzlich daher galoppierendem Temperaturaufschwung verstanden. Langsam schmolz sie dahin und hinterliess nichts als den roten Bikini, der schlaff auf dem Boden liegen blieb. Ihre Gedanken hingegen diffundierten in unknackbarem Code verschlüsselt in die Luft und waren seitdem nie wieder gedacht. Und das war auch höchste Zeit, denn dieses unnötige Geschichtchen braucht dringend einen fetten Schlusspunkt.



 

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