Society, you're a crazy breed
I hope you're not lonely without me
Society, have mercy on me
I hope you're not angry if I disagree
I hope you're not lonely without me
Society, have mercy on me
I hope you're not angry if I disagree
Sie
steht da, ein Glas mit stillem Wasser, dem all das sprudelnde Lebensgefühl
entwichen ist, in der einen Hand, die andere auf das metallene Balkongelände
gestützt. Vor ihr erstreckt sich die trostlose Skyline der Stadt, die es mit
ihren klar gesetzten rechtwinkligen Linien, die sich am Abendhimmel abzeichnen,
niemandem erlauben, eigene Fantasien über die Herrlichkeit dieser
facettenreichen Welt zu entwerfen. Sie fühlt sich wie das Wasser, welches sie
umklammert, falsch temperiert und schal im Geschmack. Sie hofft auf Regen, den
der Wetterbericht hervorgesagt hat. Regen macht alles nur noch grauer, die
Gemüter der Stadt gehetzter und die Aussichten auf das Zukünftige trüber. Aber
sie würde tanzen, tanzen im Regen, befreit von ihren beengenden Louboutins, den
immer gleichen Sorgen und dem quälenden Durst, der ihre Kehle sowie ihren
Verstand austrocknet und ihr so das Verfassen klarer Gedanken verbietet. Die
Musik, die der Regen spielt, das Prasseln, aggressiv, doch gleichzeitig
beruhigend, ist die schönste, die ihr je zu Ohren gekommen ist.
Doch der Himmel strahlt wolkenlos über dem schweren Smog, der sich in den letzten Jahren wie eine dicke, undurchdringliche Decke über die niemals ruhende Metropole gelegt hat und sie in eine bedrückende, gar melancholische Stimmung verfallen lässt.
Mit einer schnellen Handbewegung kippt sie den verbliebenen Inhalt ihres Glases über das Balkongelände, streift ihre Schuhe ab, die sie am liebsten dem langweiligen Wasser hinterherwerfen würde und trottet auf nacktem Fusse zurück in ihr Appartement. Ein schönes Appartement, Toplage, Ausblick auf die ganze Stadt, riesiger Balkon. Genug Platz für zwei oder gar drei, doch er hat die Katze mit sich genommen und so bleibt nur noch sie, die sich an der modernen Einrichtung erfreuen darf, welche sie jede Nacht, wenn sie sich nach sinnlosem Vor-sich-hin-vegetieren endlich ins Bett begibt, in immer grösser werdenden Chaos versinken lässt. In den Tiefen des Kühlschrankes findet sie hinter geräuchertem Lachs und eingelegten Essiggurken die heissbegehrte Flasche Mineralwasser, von deren sprudelnder Flüssigkeit sie sich einen Weg zurück ins Leben verspricht. Gierig greift sie nach der Flasche und reisst ihren Verschluss auf. Sie kommt sich vor wie ein Alkoholiker auf Entzug, der im nächsten Moment zuckend zusammenkrachen wird, gelangt er nicht demnächst an seine Droge, die gleichzeitig als Heilmittel und Trostspender fungiert. War sie schon jemals betrunken gewesen? Sie kann sich nicht daran erinnern, irgendwann aus dem Rahmen getreten zu sein, den ihr diese Gesellschaft vorschreibt. Bevor sie den kühlen Flaschenrand an ihre trockenen Lippen setzen kann, fällt ihr Blick auf eine geöffnete Dose Ananas, die wohl schon vor Ewigkeiten fälschlicherweise ins Gemüsefach eingeräumt worden war und ihrem vergessenen Dasein nun neben Tomaten und Blumenkohl fristet. Ananas. Ein schneeweisses Schimmelgeflecht sitzt frech auf dem obersten, goldgelben Ring und verpasst ihm ein verdorbenes Antlitz, das die ganze Welt zu verpesten scheint. Sanft streicht sie über den Schriftzug der abgegriffenen Etikette, die sich über die Dose spannt. Sie kann ihn nicht entziffern, merkwürdige Zeichen tanzen auf dem laminierten Papier, fesseln ihren Blick. Spanisch. Spanien. Bilder, von Sonne durchflutet, erscheinen vor ihrem inneren Auge, Strand, Meer, Lebensfreude. In Gedanken an diese andere Welt versunken hebt sie die Flasche und beklaut sie gierig eines grossen Schluckes. Zischend rinnt das flüssige Lebenselixier ihre Kehle hinunter und trifft wie die Massen eines Wasserfalles tosend in ihrem Magen auf, von wo es sich wie ein Lauffeuer in ihrem ganzen Körper ausbreitet. Die Kohlensäure belebt sie augenblicklich, schärft ihre Sinne, weckt in ihr verlorengeglaubte Gefühle und Erinnerungen. Sie spürt förmlich, wie sich ihre Pupillen um Welten weiten, auch wenn diese Welten wohl nur einige stecknadelkopfgross sind. Die Blubberbläschen rauschen wild zischend in ihre Blutbahnen, wo sie kreischend zerplatzen und in tausend kleine, vor Lebenslust heftig pochende Herzen verwandeln, die sich in ihrem grauen, schwachen Körper ausbreiten, ihn zu einer aufblühenden Knospe wandeln und dann allesamt in die schwache, ausgelaugte Mitte dieses Körpers strömen, um dort wie ein Feuerwerk unter lautem Getöse zu explodieren.
Ihr verwesendes Herz regt sich, streckt sich, gähnt, als wäre es eben aus einem tiefen Winterschlaf aufgewacht, öffnet seine Augen und entsinnt sich seiner Aufgabe, der es schon seit geraumer Zeit nicht mehr nachgegangen ist.
Und es fängt wieder Feuer.
Bumm.
Eigentlich hasst sie es, zu fliegen. Nicht einmal einen Fensterplatz hat sie bekommen, auch wenn sie extra früher als nötig aufgestanden ist, um den von Geschäftsleuten vollgestopften Zug zum Flughafen zu nehmen, nur für einen Fensterplatz in erlösender Abschottung der nervenden Flugpassagieren. Dabei hasst sie diese geldverfressenen Finanzhyänen. Vor allem, weil sie selbst bis gestern auch zu ihrer Art gehört hat, formal zumindest. Aber das frühe Aufstehen hat wohl nichts gebracht. Sie sitzt mittendrin in diesem Brei ihrer zivilisationsverwöhnten Artgenossen, sie kann deren vergorenen Atem riechen, deren eingerosteten Herzschlag hören. An diesen ovalen Fensterchen am Rande der reisenden Menschenmasse, die das eigentlich leblose Metallkonstrukt zu einem pulsierenden Organ wandelt, verfügt man immerhin über ein bisschen Privatsphäre, hat gute Chancen, von der Hostess ignoriert und von dem einzigen Sitznachbarn in Ruhe gelassen zu werden. Aber das Beste ist, dass man die ganzen Wolkenberge an sich vorbeiziehen sieht. Sie mag Regen, und Wolken sind die Heimat dieser erfrischenden Tropfen. Sie liebt Wolken. Wie sie sich flauschig aufbauschen, zu Wolkenschlössern, ganzen Wolkenwelten, Wolkenuniversen wandeln.
Zu ihrer Rechten hat es sich ein älterer Herr bequem gemacht. Er ist so breit wie hoch, im Sitzen zumindest, eine menschliche Kugel sozusagen. Nur der Sitz, der eindeutig für andere Dimensionen geschaffen wurde, hindert ihn daran, davonzurollen. Er ist wie ein Kugelfisch, der fälschlicherweise in eine Dose öliger Sardinen eingelegt wurde, er sprengt den Rahmen und sie erachtet es nicht gerade als vorteilhaft, direkt neben ihm zu sitzen. Laut ihrer kleinen Metapher einer versalzenen Sardine zu entsprechen, gefällt ihr aber auch nicht besser. Neben seinen enormen physischen Ausmassen verfügt er aber auch noch über andere Expansionsgelüste. Auf dem kleinen Klapptischchen, das seine Wampe einklemmt, hat er Chipstüten, billige Schandmagazine und haufenweise Schokoriegel zu Stapeln aufgebaut, die den Anschein haben, ihr bald auf den Schoss zu springen. Er widert sie an, ihr konsumverfressener Nachbar, der sich in eigens verschuldete Verblödung stürzt.
Den Fensterplatz hat ihr ein junger Mann frech vor der Nase weggeschnappt. Sie ist nicht gut darin das Alter fremder Leute zu schätzen, die ihr erst vor einigen Minuten unter die Augen getreten sind, deshalb lässt sie es gleich ganz bleiben. Sie hält sich lieber an den Fakten fest, die sie beobachten, und sich so in der Sicherheit ihrer Korrektheit wiegen kann. Der Typ trägt einen gestreiften Strickpullover und ausgelatschte Stoffschuhe, seine langen Haare sind straff am Hinterkopf zusammengebunden. Bestimmt isst er nichts, was einen Schatten wirft, denkt sie amüsiert. Ein Jüngling auf dem Ökotrip. Aus seinen Kopfhörern dringt Musik, sie könnte schwören, es ist Electro-swing. Genervt vom Kindergeschrei aus den hinteren Sitzreihen, das selbst seine alternativen Beats zu übertönen vermag, wendet er sich ab und blickt sichtlich genervt aus dem Fenster. In sein kleines Notizbüchlein schreibt er unleserliche Gedankenfetzen nieder, die ihm durch den Schädel flitzen, seine Synapsen zum Nachdenken verführen und seine Kreativität auf Hochtouren bringt.
Eingequetscht wie sie ist, muss sie wieder an die vergorene Ananas in der Dose denken. Wie abscheulich sie gerochen hat. Am liebsten hätte sie den Schimmel, der aufsässig auf der südländischen Frucht gehockt hatte, gestreichelt, nur um zu testen, ob er auch so flauschig weich ist, wie er aussah. Sie war fasziniert von diesem schneeweissen Geflecht, das sie wachgerüttelt und ihr gezeigt hat, wie verloren ihre Situation war.
„Ha!“, hat der Schimmel gerufen. „Du hast dein verdammtes Leben nicht unter Kontrolle, lässt einfach eine unschuldige Ananas vergammeln, die so weit gereist ist, um verspachtelt zu werden. Unmensch! Nimm das!“
Und dann hat er ihr seine kontagiösen Sporen ins Gesicht gespuckt, dieser ökologische Schimmel mit äusserst ausgeprägtem Umweltbewusstsein, genau zwischen die Augen, und sie verwandelte sich selbst zu einem riesigen moralpredigenden Schimmelpilz, der sich seines gigantischem ökologischen Fussabdruckes bewusst war. In ihrer Fantasie zumindest. Wie sie ihr die Augen geöffnet hat, diese verschimmelte Ananas.
In ihr bringt ein heimliches Vorhaben ihr Herz zum Schlagen, immer lauter, immer schneller.
Bumm. Bumm. Bu-Bumm.
Doch der Himmel strahlt wolkenlos über dem schweren Smog, der sich in den letzten Jahren wie eine dicke, undurchdringliche Decke über die niemals ruhende Metropole gelegt hat und sie in eine bedrückende, gar melancholische Stimmung verfallen lässt.
Mit einer schnellen Handbewegung kippt sie den verbliebenen Inhalt ihres Glases über das Balkongelände, streift ihre Schuhe ab, die sie am liebsten dem langweiligen Wasser hinterherwerfen würde und trottet auf nacktem Fusse zurück in ihr Appartement. Ein schönes Appartement, Toplage, Ausblick auf die ganze Stadt, riesiger Balkon. Genug Platz für zwei oder gar drei, doch er hat die Katze mit sich genommen und so bleibt nur noch sie, die sich an der modernen Einrichtung erfreuen darf, welche sie jede Nacht, wenn sie sich nach sinnlosem Vor-sich-hin-vegetieren endlich ins Bett begibt, in immer grösser werdenden Chaos versinken lässt. In den Tiefen des Kühlschrankes findet sie hinter geräuchertem Lachs und eingelegten Essiggurken die heissbegehrte Flasche Mineralwasser, von deren sprudelnder Flüssigkeit sie sich einen Weg zurück ins Leben verspricht. Gierig greift sie nach der Flasche und reisst ihren Verschluss auf. Sie kommt sich vor wie ein Alkoholiker auf Entzug, der im nächsten Moment zuckend zusammenkrachen wird, gelangt er nicht demnächst an seine Droge, die gleichzeitig als Heilmittel und Trostspender fungiert. War sie schon jemals betrunken gewesen? Sie kann sich nicht daran erinnern, irgendwann aus dem Rahmen getreten zu sein, den ihr diese Gesellschaft vorschreibt. Bevor sie den kühlen Flaschenrand an ihre trockenen Lippen setzen kann, fällt ihr Blick auf eine geöffnete Dose Ananas, die wohl schon vor Ewigkeiten fälschlicherweise ins Gemüsefach eingeräumt worden war und ihrem vergessenen Dasein nun neben Tomaten und Blumenkohl fristet. Ananas. Ein schneeweisses Schimmelgeflecht sitzt frech auf dem obersten, goldgelben Ring und verpasst ihm ein verdorbenes Antlitz, das die ganze Welt zu verpesten scheint. Sanft streicht sie über den Schriftzug der abgegriffenen Etikette, die sich über die Dose spannt. Sie kann ihn nicht entziffern, merkwürdige Zeichen tanzen auf dem laminierten Papier, fesseln ihren Blick. Spanisch. Spanien. Bilder, von Sonne durchflutet, erscheinen vor ihrem inneren Auge, Strand, Meer, Lebensfreude. In Gedanken an diese andere Welt versunken hebt sie die Flasche und beklaut sie gierig eines grossen Schluckes. Zischend rinnt das flüssige Lebenselixier ihre Kehle hinunter und trifft wie die Massen eines Wasserfalles tosend in ihrem Magen auf, von wo es sich wie ein Lauffeuer in ihrem ganzen Körper ausbreitet. Die Kohlensäure belebt sie augenblicklich, schärft ihre Sinne, weckt in ihr verlorengeglaubte Gefühle und Erinnerungen. Sie spürt förmlich, wie sich ihre Pupillen um Welten weiten, auch wenn diese Welten wohl nur einige stecknadelkopfgross sind. Die Blubberbläschen rauschen wild zischend in ihre Blutbahnen, wo sie kreischend zerplatzen und in tausend kleine, vor Lebenslust heftig pochende Herzen verwandeln, die sich in ihrem grauen, schwachen Körper ausbreiten, ihn zu einer aufblühenden Knospe wandeln und dann allesamt in die schwache, ausgelaugte Mitte dieses Körpers strömen, um dort wie ein Feuerwerk unter lautem Getöse zu explodieren.
Ihr verwesendes Herz regt sich, streckt sich, gähnt, als wäre es eben aus einem tiefen Winterschlaf aufgewacht, öffnet seine Augen und entsinnt sich seiner Aufgabe, der es schon seit geraumer Zeit nicht mehr nachgegangen ist.
Und es fängt wieder Feuer.
Bumm.
Eigentlich hasst sie es, zu fliegen. Nicht einmal einen Fensterplatz hat sie bekommen, auch wenn sie extra früher als nötig aufgestanden ist, um den von Geschäftsleuten vollgestopften Zug zum Flughafen zu nehmen, nur für einen Fensterplatz in erlösender Abschottung der nervenden Flugpassagieren. Dabei hasst sie diese geldverfressenen Finanzhyänen. Vor allem, weil sie selbst bis gestern auch zu ihrer Art gehört hat, formal zumindest. Aber das frühe Aufstehen hat wohl nichts gebracht. Sie sitzt mittendrin in diesem Brei ihrer zivilisationsverwöhnten Artgenossen, sie kann deren vergorenen Atem riechen, deren eingerosteten Herzschlag hören. An diesen ovalen Fensterchen am Rande der reisenden Menschenmasse, die das eigentlich leblose Metallkonstrukt zu einem pulsierenden Organ wandelt, verfügt man immerhin über ein bisschen Privatsphäre, hat gute Chancen, von der Hostess ignoriert und von dem einzigen Sitznachbarn in Ruhe gelassen zu werden. Aber das Beste ist, dass man die ganzen Wolkenberge an sich vorbeiziehen sieht. Sie mag Regen, und Wolken sind die Heimat dieser erfrischenden Tropfen. Sie liebt Wolken. Wie sie sich flauschig aufbauschen, zu Wolkenschlössern, ganzen Wolkenwelten, Wolkenuniversen wandeln.
Zu ihrer Rechten hat es sich ein älterer Herr bequem gemacht. Er ist so breit wie hoch, im Sitzen zumindest, eine menschliche Kugel sozusagen. Nur der Sitz, der eindeutig für andere Dimensionen geschaffen wurde, hindert ihn daran, davonzurollen. Er ist wie ein Kugelfisch, der fälschlicherweise in eine Dose öliger Sardinen eingelegt wurde, er sprengt den Rahmen und sie erachtet es nicht gerade als vorteilhaft, direkt neben ihm zu sitzen. Laut ihrer kleinen Metapher einer versalzenen Sardine zu entsprechen, gefällt ihr aber auch nicht besser. Neben seinen enormen physischen Ausmassen verfügt er aber auch noch über andere Expansionsgelüste. Auf dem kleinen Klapptischchen, das seine Wampe einklemmt, hat er Chipstüten, billige Schandmagazine und haufenweise Schokoriegel zu Stapeln aufgebaut, die den Anschein haben, ihr bald auf den Schoss zu springen. Er widert sie an, ihr konsumverfressener Nachbar, der sich in eigens verschuldete Verblödung stürzt.
Den Fensterplatz hat ihr ein junger Mann frech vor der Nase weggeschnappt. Sie ist nicht gut darin das Alter fremder Leute zu schätzen, die ihr erst vor einigen Minuten unter die Augen getreten sind, deshalb lässt sie es gleich ganz bleiben. Sie hält sich lieber an den Fakten fest, die sie beobachten, und sich so in der Sicherheit ihrer Korrektheit wiegen kann. Der Typ trägt einen gestreiften Strickpullover und ausgelatschte Stoffschuhe, seine langen Haare sind straff am Hinterkopf zusammengebunden. Bestimmt isst er nichts, was einen Schatten wirft, denkt sie amüsiert. Ein Jüngling auf dem Ökotrip. Aus seinen Kopfhörern dringt Musik, sie könnte schwören, es ist Electro-swing. Genervt vom Kindergeschrei aus den hinteren Sitzreihen, das selbst seine alternativen Beats zu übertönen vermag, wendet er sich ab und blickt sichtlich genervt aus dem Fenster. In sein kleines Notizbüchlein schreibt er unleserliche Gedankenfetzen nieder, die ihm durch den Schädel flitzen, seine Synapsen zum Nachdenken verführen und seine Kreativität auf Hochtouren bringt.
Eingequetscht wie sie ist, muss sie wieder an die vergorene Ananas in der Dose denken. Wie abscheulich sie gerochen hat. Am liebsten hätte sie den Schimmel, der aufsässig auf der südländischen Frucht gehockt hatte, gestreichelt, nur um zu testen, ob er auch so flauschig weich ist, wie er aussah. Sie war fasziniert von diesem schneeweissen Geflecht, das sie wachgerüttelt und ihr gezeigt hat, wie verloren ihre Situation war.
„Ha!“, hat der Schimmel gerufen. „Du hast dein verdammtes Leben nicht unter Kontrolle, lässt einfach eine unschuldige Ananas vergammeln, die so weit gereist ist, um verspachtelt zu werden. Unmensch! Nimm das!“
Und dann hat er ihr seine kontagiösen Sporen ins Gesicht gespuckt, dieser ökologische Schimmel mit äusserst ausgeprägtem Umweltbewusstsein, genau zwischen die Augen, und sie verwandelte sich selbst zu einem riesigen moralpredigenden Schimmelpilz, der sich seines gigantischem ökologischen Fussabdruckes bewusst war. In ihrer Fantasie zumindest. Wie sie ihr die Augen geöffnet hat, diese verschimmelte Ananas.
In ihr bringt ein heimliches Vorhaben ihr Herz zum Schlagen, immer lauter, immer schneller.
Bumm. Bumm. Bu-Bumm.
Sie
will nur da sein, irgendwo da draussen, allein, ohne nichts, ohne niemanden,
nur Bäche, Berge, Wiesen, nur Sand, flimmernde Hitze, züngelnde Schlangen, nur
Pelikane, Lianen, tropischer Wald. Die Natur ist ihre Droge, der einzige
Ausweg, der verdorbenen Gesellschaft zu entfliehen. Aber da sind überall Menschen.
Wohin sie auch blickt. Menschen. Überall. Wie Ungeziefer bevölkern sie die
einst einsame Natur, bebauen sie, zerstören sie. Menschen. Sie sitzen auf
Parkbänken und verschlingen die vor Fett triefenden Hamburger, die sie um die
Ecke erworben haben, hinterlassen nichts als riesige Abfallberge, die dann der
Wind in alle Ecken und Winkel der Welt treibt. Menschen. Sie reiten in der
Stadt in Tram und Metro, in der Wüste auf Kamelen, im Regenwald auf Elefanten,
im Ozean auf Delfinen. Sie erklimmen den Eiffelturm, steigen auf die Pyramiden
von Gizeh, schlendern der Chinesischen Mauer entlang. Touristen. Sie zahlen und
zahlen und zahlen, doch hinterlassen dennoch nichts als Armut und Leid. Und sie
gehört auch zu ihnen, kann sich nicht von den Massen losreissen, die sie in die
Welt des Konsums ziehen.
Sie reist. Sie reist und reist. Mit dem Flugzeug, dem Zug, mit Bus und Taxi, Rikscha, Tuk-Tuk und Gondel. Doch sie kommt nicht los von diesem Gefühl, es hält sie gefangen, gibt sie nicht her. Die anfängliche Euphorie, die ihr die vergorene Ananas in den Kopf gesetzt hat, verfliegt langsam, je länger sie unterwegs ist. Geld. Für alles braucht sie Geld. Sie kommt rum, doch sie kommt nicht an.
Ein grosser Berg türmt sich vor ihr auf, hinterlegt von einem prächtigen Sonnenuntergang, der den mächtigen Himmel in die kitschigsten Farbgeschwülste taucht. Sie klettert ihn hoch, diesen Berg, doch er wird immer höher, immer steiler, ihre Sohlen finden keinen Halt mehr auf dem losen Geröll, das wie Tränen unter ihren Füssen in den bedrohlichen Abgrund hinabkullert. Sie stolpert, immer wieder, fängt sich mit ihren Händen auf, kraxelt den steilen Hang auf allen Vieren empor, den Blick nie von ihrem Ziel, der Bergspitze, abgewendet. Sie läuft immer schneller, aber der Gipfel tritt ihr keinen Schritt näher. Die untergehende Sonne blendet sie, doch zuoberst erkennt sie die Silhouette eines überdimensionierten Hasen, der ihr den Rücken zukehrend seinen Blick über den Abgrund, der sich vor ihm erstreckt, schweifen lässt. Seine Ohren zucken, die Schnurhaare zittern. Sie will wissen, was er sieht, was sich auf der anderen Seite des Berges befindet.
„Qui suis-je?“, ruft der pathetische Hase verzweifelt ins Tal, die Berge werfen sich seine Frage noch einige Male hin und her, als wäre sie ein heisser Ball, den es weiterzugeben gilt. Sie erreicht das pelzige Geschöpf, legt ihm ihren Arm tröstend um die Schulter. Das desillusionierte Wesen blickt zu ihr, ein scheuer Blick voller Schmerz. Eine blutrote Träne entrinnt seinem glasigen Auge und ehe sie endlich einen Blick auf den Abgrund vor ihr erhaschen kann, stirbt der Hase in ihren Armen und zerfällt augenblicklich zu Staub, den die Windböen wispernd mit sich davontragen. Und sie steht alleine da, zuoberst oben, auf der Spitze der Welt. Sie dreht sich und dreht sich, streckt ihre Arme aus, wirft den Kopf lachend in den Nacken und blickt in die unergründlichen Tiefen des wolkenlosen Himmels.
Vor ihren Augen sieht sie ihr Leben an sich vorbeiziehen, ihr ganzes Leben, im Zeitraffer läuft es rückwärts an ihr vorbei, sie ist wieder ein Kind, Regenwurm, Ferien am Strand, Kuchenbacken, die Stimme ihrer Mutter, wie sie sie sanft in den Schlaf singt. Sie kann nicht mehr laufen, brabbelt wilde Phrasen, verliert ihre Stimme, Plüschtier, Fläschchen, volle Windeln. Klein und schwach, ausatmen, einatmen, Luft, Licht. Ein Schrei. Und dann sieht sie das Leben der Welt, das ganze Leben dieser Welt, der grossen mächtigen Welt, bevor die Menschen sie unter ihre Fittiche nahmen. Zischende Vulkane, vom ewigen Regen zum Schweigen gebracht, sprudelnde Quellen, wuchernde Pflanzen, Leben, Leben, Leben.
Und plötzlich weiss sie, was sie zu tun hat.
Sie steht in ihrem Appartement, allein gelassen von allen, die sie einst liebte, alleine, da sie sich von allem abgewendet hat, was der gesellschaftlichen Norm entspricht, allein, weil sie allein sein will. Und sie will nichts zurücklassen. Sie will die Spuren ihres alten Lebens vernichten. Noch sitzt das Flämmlein ruhig auf der Spitze des Streichholzes, doch als es fällt, wächst sein Hunger, es labt sich an Boden, Möbel, Decke und wächst zu einem qualmenden Feuermeer. Brenn, Welt, brenn, und verschling alles mit deinen wild züngelnden Flammen. Brenn, Geld, brenn, und nimm der Gesellschaft diese schreckliche Krankheit, die Sucht nach Macht und Stärke. Brenn, brenn, und hör nicht auf, ehe nichts als Dunst und Schaum deines alten Antlitzes übrig bleibt.
Hinter ihr vertilgt die Feuersbrunst alles, was sie einst ihr Eigen nannte, sie schliesst die Wohnungstür hinter sich ab und steigt mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht die Treppenstufen zu ihrem neuen Leben hinab.
Sie plant nichts, legt einfach los, nimmt nichts mit, ausser ihrem Herzen, das sie lenken wird und ihrem gesunden Menschenverstand, auch wenn der von der restlichen Weltbevölkerung nicht als gesund bezeichnet werden würde. Ein neuer Versuch.
Sie reist. Sie reist und reist. Zuerst mit Flugzeug, Zug und Bus, dann per Anhalter, irgendwann mit nichts anderem als ihren eigenen beiden Füssen. Allmähliche Vereinsamung, daherschleichende Isolation. Langsam reisst sie sich los. Sie ist allein. Endlich. Unberührte Natur, Plätze, die noch kein Menschenauge betrachtet hat. Sie kennt keine Worte für diese Schönheit. Ihr Tagebuch bleibt leer. Bald knistern seine Seiten im abendlichen Lagerfeuer. Ihr Herz kreischt und lacht, aalt sich in einem verrückten Gefühlscocktail, der es in euphorischer Ekstase tanzen lässt.
Bumm. Bumm. Bumm.
Bu-Bumm Bu-Bumm Bu-Bumm. Bu-Bumm.
Immer unterwegs. Nie da, nie dort. Lange Nächte, kurze Tage, Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge. Jagen, Fischen, Pflücken. Einmannpartys, Tanz ums Feuer. Schnee. Sternschnuppen, grüne Lichtschwaden, die nervös am Nachthimmel zucken. Tiere flüstern ihr ihre Träume zu. Vögel fliegen davon und reissen sich von ihren Wurzeln los. Die Endlosigkeit des Meeres. Ganz allein, nur sie und die Natur, erbarmungslos, doch gleichzeitig gerecht, gerecht in ihrer eigenen Logik. Wunderschön.
Freiheit.
Glück.
Vervollkommnung.
Alles, was ihr Herz begehrt.
Und dann zerspringt es.
BUMM.
Filmriss.
Heisse Luft strömt in ihre Lungenflügel, plustert diese auf, japsend ringt sie um Sauerstoff. Die Luft reinigt ihren Verstand vom Schwindel und den wirren Bildern, mindert die Schmerzen ihres zertrümmerten Herzens. Panisch blickt sie um sich. Offener Kühlschrank. In einer Hand eine leere Glasflasche, in der anderen die abgegriffene Dose. Wasser um ihre nackten Füsse. Sie braucht einen Moment, um zu realisieren, was eben passiert ist. Langsam lichtet sich der Nebel in ihren Hirnwindungen, auch wenn ihr Kopf höllisch pocht und ihr die Realität nicht minder Schmerzen zufügt. Noch leicht benebelt stellt sie die Flasche auf die Ablage und blickt suchend nach einem Lappen, um die Wasserlache aufzuwischen. Eher zufällig als mit Absicht wirft sie einen Blick in die Dose. Der Schimmel blickt ihr direkt in die Augen und bleibt dort wie ein lästiger Bienenstachel hängen.
„Unmensch!“, ruft der verrückte Schimmel und spuckt sie an, diesmal aber wirklich, nicht nur in ihrer Fantasie. Die Sporen fliegen durch die Luft und stürzen sich wie wild brüllende Barbaren bei der Kaperung eines Schiffes auf hoher See auf sie, stürmen ihre Haut, durchbeissen sie und suchen sich ihren Weg in ihr Inneres, versetzen ihre Blutbahnen mit tödlichem Gift. Ihr Herz reagiert auf die Fremdkörper, schlägt, als wolle es der Bedrohung davongaloppieren.
Bumm-Bumm-Bumm.
Sie kann nicht fliehen, ihr entweicht alle Kraft und alle Denkfähigkeit, unter ihr knicken die Beine weg, langsam geht sie zu Boden. Weisse Flechten überziehen ihre Haut, sie schimmelt, verwandelt sich in ein Schimmelmonster, weiss, alles weiss.
Hinter ihr geht das Appartement in Flammen auf, in echte, glühend heisse Flammen, sie fressen sich an den Vorhängen hoch und wandeln ihr Heim in ein brennendes Teufelskabinett. Mit trübem Blick erkennt sie ihren eigenen Schatten, den die Flammen hinter ihrem Rücken werfen lassen. Eine unbekannte Kraft, die tief in ihrem Inneren erwacht, lässt sie fluchtartig nach vorne kriechen. Sie muss sie überqueren, diese Grenze, die ihr eigener Schatten definiert.
„Du kannst dieser Welt nicht entfliehen!“, kreischt der Schimmel auf der Ananas, bevor er im nächsten Moment von flammenden Zungen zum Schweigen gebracht wird.
Ihr Herz krümmt sich, windet sich schmerzhaft in ihrem einengenden Brustkorb.
Bumm.
Mit letzter Kraft robbt sie nach vorne, sie will weg, weg von den Flammen, weg, über ihren Schatten hinaus.
Bumm.
Doch es gelingt ihr nicht.
Bu-
Sie reist. Sie reist und reist. Mit dem Flugzeug, dem Zug, mit Bus und Taxi, Rikscha, Tuk-Tuk und Gondel. Doch sie kommt nicht los von diesem Gefühl, es hält sie gefangen, gibt sie nicht her. Die anfängliche Euphorie, die ihr die vergorene Ananas in den Kopf gesetzt hat, verfliegt langsam, je länger sie unterwegs ist. Geld. Für alles braucht sie Geld. Sie kommt rum, doch sie kommt nicht an.
Ein grosser Berg türmt sich vor ihr auf, hinterlegt von einem prächtigen Sonnenuntergang, der den mächtigen Himmel in die kitschigsten Farbgeschwülste taucht. Sie klettert ihn hoch, diesen Berg, doch er wird immer höher, immer steiler, ihre Sohlen finden keinen Halt mehr auf dem losen Geröll, das wie Tränen unter ihren Füssen in den bedrohlichen Abgrund hinabkullert. Sie stolpert, immer wieder, fängt sich mit ihren Händen auf, kraxelt den steilen Hang auf allen Vieren empor, den Blick nie von ihrem Ziel, der Bergspitze, abgewendet. Sie läuft immer schneller, aber der Gipfel tritt ihr keinen Schritt näher. Die untergehende Sonne blendet sie, doch zuoberst erkennt sie die Silhouette eines überdimensionierten Hasen, der ihr den Rücken zukehrend seinen Blick über den Abgrund, der sich vor ihm erstreckt, schweifen lässt. Seine Ohren zucken, die Schnurhaare zittern. Sie will wissen, was er sieht, was sich auf der anderen Seite des Berges befindet.
„Qui suis-je?“, ruft der pathetische Hase verzweifelt ins Tal, die Berge werfen sich seine Frage noch einige Male hin und her, als wäre sie ein heisser Ball, den es weiterzugeben gilt. Sie erreicht das pelzige Geschöpf, legt ihm ihren Arm tröstend um die Schulter. Das desillusionierte Wesen blickt zu ihr, ein scheuer Blick voller Schmerz. Eine blutrote Träne entrinnt seinem glasigen Auge und ehe sie endlich einen Blick auf den Abgrund vor ihr erhaschen kann, stirbt der Hase in ihren Armen und zerfällt augenblicklich zu Staub, den die Windböen wispernd mit sich davontragen. Und sie steht alleine da, zuoberst oben, auf der Spitze der Welt. Sie dreht sich und dreht sich, streckt ihre Arme aus, wirft den Kopf lachend in den Nacken und blickt in die unergründlichen Tiefen des wolkenlosen Himmels.
Vor ihren Augen sieht sie ihr Leben an sich vorbeiziehen, ihr ganzes Leben, im Zeitraffer läuft es rückwärts an ihr vorbei, sie ist wieder ein Kind, Regenwurm, Ferien am Strand, Kuchenbacken, die Stimme ihrer Mutter, wie sie sie sanft in den Schlaf singt. Sie kann nicht mehr laufen, brabbelt wilde Phrasen, verliert ihre Stimme, Plüschtier, Fläschchen, volle Windeln. Klein und schwach, ausatmen, einatmen, Luft, Licht. Ein Schrei. Und dann sieht sie das Leben der Welt, das ganze Leben dieser Welt, der grossen mächtigen Welt, bevor die Menschen sie unter ihre Fittiche nahmen. Zischende Vulkane, vom ewigen Regen zum Schweigen gebracht, sprudelnde Quellen, wuchernde Pflanzen, Leben, Leben, Leben.
Und plötzlich weiss sie, was sie zu tun hat.
Sie steht in ihrem Appartement, allein gelassen von allen, die sie einst liebte, alleine, da sie sich von allem abgewendet hat, was der gesellschaftlichen Norm entspricht, allein, weil sie allein sein will. Und sie will nichts zurücklassen. Sie will die Spuren ihres alten Lebens vernichten. Noch sitzt das Flämmlein ruhig auf der Spitze des Streichholzes, doch als es fällt, wächst sein Hunger, es labt sich an Boden, Möbel, Decke und wächst zu einem qualmenden Feuermeer. Brenn, Welt, brenn, und verschling alles mit deinen wild züngelnden Flammen. Brenn, Geld, brenn, und nimm der Gesellschaft diese schreckliche Krankheit, die Sucht nach Macht und Stärke. Brenn, brenn, und hör nicht auf, ehe nichts als Dunst und Schaum deines alten Antlitzes übrig bleibt.
Hinter ihr vertilgt die Feuersbrunst alles, was sie einst ihr Eigen nannte, sie schliesst die Wohnungstür hinter sich ab und steigt mit einem zufriedenen Grinsen auf dem Gesicht die Treppenstufen zu ihrem neuen Leben hinab.
Sie plant nichts, legt einfach los, nimmt nichts mit, ausser ihrem Herzen, das sie lenken wird und ihrem gesunden Menschenverstand, auch wenn der von der restlichen Weltbevölkerung nicht als gesund bezeichnet werden würde. Ein neuer Versuch.
Sie reist. Sie reist und reist. Zuerst mit Flugzeug, Zug und Bus, dann per Anhalter, irgendwann mit nichts anderem als ihren eigenen beiden Füssen. Allmähliche Vereinsamung, daherschleichende Isolation. Langsam reisst sie sich los. Sie ist allein. Endlich. Unberührte Natur, Plätze, die noch kein Menschenauge betrachtet hat. Sie kennt keine Worte für diese Schönheit. Ihr Tagebuch bleibt leer. Bald knistern seine Seiten im abendlichen Lagerfeuer. Ihr Herz kreischt und lacht, aalt sich in einem verrückten Gefühlscocktail, der es in euphorischer Ekstase tanzen lässt.
Bumm. Bumm. Bumm.
Bu-Bumm Bu-Bumm Bu-Bumm. Bu-Bumm.
Immer unterwegs. Nie da, nie dort. Lange Nächte, kurze Tage, Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge. Jagen, Fischen, Pflücken. Einmannpartys, Tanz ums Feuer. Schnee. Sternschnuppen, grüne Lichtschwaden, die nervös am Nachthimmel zucken. Tiere flüstern ihr ihre Träume zu. Vögel fliegen davon und reissen sich von ihren Wurzeln los. Die Endlosigkeit des Meeres. Ganz allein, nur sie und die Natur, erbarmungslos, doch gleichzeitig gerecht, gerecht in ihrer eigenen Logik. Wunderschön.
Freiheit.
Glück.
Vervollkommnung.
Alles, was ihr Herz begehrt.
Und dann zerspringt es.
BUMM.
Filmriss.
Heisse Luft strömt in ihre Lungenflügel, plustert diese auf, japsend ringt sie um Sauerstoff. Die Luft reinigt ihren Verstand vom Schwindel und den wirren Bildern, mindert die Schmerzen ihres zertrümmerten Herzens. Panisch blickt sie um sich. Offener Kühlschrank. In einer Hand eine leere Glasflasche, in der anderen die abgegriffene Dose. Wasser um ihre nackten Füsse. Sie braucht einen Moment, um zu realisieren, was eben passiert ist. Langsam lichtet sich der Nebel in ihren Hirnwindungen, auch wenn ihr Kopf höllisch pocht und ihr die Realität nicht minder Schmerzen zufügt. Noch leicht benebelt stellt sie die Flasche auf die Ablage und blickt suchend nach einem Lappen, um die Wasserlache aufzuwischen. Eher zufällig als mit Absicht wirft sie einen Blick in die Dose. Der Schimmel blickt ihr direkt in die Augen und bleibt dort wie ein lästiger Bienenstachel hängen.
„Unmensch!“, ruft der verrückte Schimmel und spuckt sie an, diesmal aber wirklich, nicht nur in ihrer Fantasie. Die Sporen fliegen durch die Luft und stürzen sich wie wild brüllende Barbaren bei der Kaperung eines Schiffes auf hoher See auf sie, stürmen ihre Haut, durchbeissen sie und suchen sich ihren Weg in ihr Inneres, versetzen ihre Blutbahnen mit tödlichem Gift. Ihr Herz reagiert auf die Fremdkörper, schlägt, als wolle es der Bedrohung davongaloppieren.
Bumm-Bumm-Bumm.
Sie kann nicht fliehen, ihr entweicht alle Kraft und alle Denkfähigkeit, unter ihr knicken die Beine weg, langsam geht sie zu Boden. Weisse Flechten überziehen ihre Haut, sie schimmelt, verwandelt sich in ein Schimmelmonster, weiss, alles weiss.
Hinter ihr geht das Appartement in Flammen auf, in echte, glühend heisse Flammen, sie fressen sich an den Vorhängen hoch und wandeln ihr Heim in ein brennendes Teufelskabinett. Mit trübem Blick erkennt sie ihren eigenen Schatten, den die Flammen hinter ihrem Rücken werfen lassen. Eine unbekannte Kraft, die tief in ihrem Inneren erwacht, lässt sie fluchtartig nach vorne kriechen. Sie muss sie überqueren, diese Grenze, die ihr eigener Schatten definiert.
„Du kannst dieser Welt nicht entfliehen!“, kreischt der Schimmel auf der Ananas, bevor er im nächsten Moment von flammenden Zungen zum Schweigen gebracht wird.
Ihr Herz krümmt sich, windet sich schmerzhaft in ihrem einengenden Brustkorb.
Bumm.
Mit letzter Kraft robbt sie nach vorne, sie will weg, weg von den Flammen, weg, über ihren Schatten hinaus.
Bumm.
Doch es gelingt ihr nicht.
Bu-
What a journey!
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