Mittwoch, 25. Dezember 2013

Ein Weihnachtsmärchen



Gekonnt öffnet Max die elektrische Schiebetüre der geräderten Schlange, die sich durch die Wälder, Hügel und Berge seines geliebten Heimatlandes windet, und betritt den nächsten Waggon. Er ist immer amüsiert über den Anblick der Zugfahrer, die sich damit abmühen, die Türe irgendwie aufzubekommen, um in den nächsten Wagen zu schlüpfen. Doch er tut dies so oft, dass er den Trick, die Türe nicht mit Kraft, sondern nur ganz leicht mit den Fingerkuppen aufzustossen, schon im Schlaf beherrscht. Max wirft einen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft, die im schwindenden Licht der Dämmerung langsam versinkt, bevor er die Passagierdichte des neuen Waggons checkt und schliesslich seinen gewohnten Text monoton abspult.
„Nächster Halt Zürich Flughafen, Billets bitte.“
Die reisende Masse sieht ihn ehrfürchtig an und zückt ihr Portemonnaie. Noch einmal tief einatmen. Auf geht’s. Erstes Abteil zur linken. Ein altes Ehepärchen. Die Frau steckt ihm mit zahnlosem Lächeln die Tickets für beide entgegen, Max lächelt gezwungen zurück, tackert die Papiere ab und wünscht ihnen noch eine angenehme Fahrt. Er will sich umdrehen, doch die Oma hält ihn an seinem Revers fest.
„Wissen Sie, wir fahren über die Festtage zu unseren Enkeln. Lea kann schon laufen und Tobias hat eben seinen ersten Milchzahn verloren!“
Gebannt strahlt ihn die Oma an, ohne ihn loszulassen. Max weiss nicht wirklich, was sie von ihm erwartet, schliesslich ist es nicht seine Aufgabe, mit seinen Fahrgästen zu plaudern.
„Das, ähh“, stottert er, „Das ist wirklich sehr schön. Ich wünsche Ihnen viel Spass.“
Max räuspert sich, reisst sich möglichst unauffällig von der grinsenden Oma los, die ganz eindeutig nicht mehr alle Tassen im Schrank hat, und läuft eilig weiter. Der Junge im nächsten Abteil kramt erst eine Ewigkeit in seinem Geldbeutel herum und streckt ihm dann gelangweilt ein zerknittertes Stückchen Papier sowie ein Halbtax-Abo entgegen. Max nimmt es entgegen, betrachtet zuerst das Billet, dann die Plastikkarte, vergleicht das Gesicht auf dem Foto mit dem, das vor ihm sitzt.
„Schöne Fahrt noch“, murmelt er, reicht dem Jungen seine Papiere und begibt sich weiter. Weder das Abo noch die Fahrkarte sind gültig, und um ehrlich zu sein ist sich Max nicht einmal sicher, ob das Abo überhaupt diesem Jungen gehört, doch eigentlich ist ihm das egal und er hat auch überhaupt keine Lust, einen Strafzettel zu verfassen, sich die Verteidigung des Jungen anzuhören, sein Betteln, doch einmal ein Auge zuzudrücken und somit die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste auf sich zu ziehen. Und er will dem Jungen auch nicht hundert Franken aus der Tasche ziehen, nicht heute, nicht an diesem Tag. So wie er aussieht, besitzt er die sowieso nicht. Hundert Franken, dieser Betrag ist sowieso eine Frechheit.
Der Zug fährt in den Tunnel und taucht sein Inneres in ein beinahe unheimliches Licht. Noch sechzig Sekunden, dann wird er seine Türen öffnen und einige der Passagiere ausspucken, bevor er neue durch seine Pforten schreiten lässt. Max‘ Blick gleitet über die Fensterscheiben und bleibt an seinem eigenen Spiegelbild hängen. 50. Er fängt seinen eigenen müden Blick ein. 40. Seine Augen scheinen grau verschleiert zu sein, von dunklen Schatten unterlegt, seine Wangen hängen schlaf an seinem knochigen Gesicht, das schüttere Haar lugt unordentlich unter seiner schräg sitzenden Mütze hervor. 20. Ist das wirklich er? Kann es sein, dass er in dieser kurzen Zeit so sehr gealtert ist? In vier Jahren? Vier? Vier. 10. Max rückt seine Mütze wieder zurecht, doch das ändert auch nichts an seinem erbärmlichen Anblick. Und seinen Schnurrbart sollte er wirklich – „Pardon!“, ruft ein junger Mann, schubst Max wie eine lästige Fliege aus dem Weg und stürzt die Treppe hinab Richtung Ausgang des nun stillstehenden Zuges, doch Max winkt nur ab, froh darüber, aus dem tranceartigen Zustand, der ihn immer in diese tiefe Melancholie abgleiten lässt, aufgeweckt worden sein. In Scharen stürzen nun Menschen in den Waggon, Geschäftsmänner, die für die nächsten Tage ihre Familie besuchen, Ehepärchen, schwer bepackt in Erinnerungen an die Karibikkreuzfahrt schwelgend, eine ganze Schar Hinterwäldler in weiss gekreuztem Rot, die ein aufgetakeltes Mädchen abgeholt haben, das, seinem Shirt  – I „Herzchen“ NY – nach, wohl eben von einem Au-Pair-Jahr oder ähnlichem in den USA heimgekehrt ist, einige Japaner, die wild herumschnattern und eine Schweizerkarte zu entziffern versuchen. Zu viele Menschen in diesem Wagen, denkt Max, und flüchtet in den nächsten. Erste Schiebetür auf, einige Schritte, abwesendes Lächeln an einen Kollegen, der seinen Weg ein Kioskwägelchen schiebend kreuzt, zweite Schiebetüre auf und hindurch, Luft schnappen. Armes Schwein, der Kioskwägelchenschieber. Aber immerhin hat er etwas, mit dem er nervende Kleinkinder, die nicht auf ihren Plätzen sitzen bleiben wollen aus dem Weg pflügen kann.
„Nächster Halt-“, hört Max seine eigene Stimme orgeln, doch als er erkennt, das dies ein Wagen der ersten Klasse ist, räuspert er sich, zieht seine Mütze tiefer ins Gesicht, wünscht den Passagieren eine gute Weiterfahrt und spurtet zur nächsten Schiebetüre. Für diese Snobs der ersten Klasse hat er keine Nerven, sie können ihm heute gestohlen bleiben. Traut sich eh kein Schwarzfahrer in so einen weich gepolsterten und extra breiten Luxussitz, die Kontrolle ist also überflüssig, redet sich Max ein. In Wirklichkeit kann er diese Leute einfach nicht ausstehen, die Damen und Herren der Oberschicht, die Noblesse, Kronträger des verschleimten Kapitalismus,  die verdammte Bourgeoisie in ihren Armanianzügen und Pradakleidern. Natürlich, es gibt auch ausstehbare normalbürgerliche Fahrer der ersten Klasse, und der doppelte Preis, den sie für dieselbe Strecke zahlen, trägt erheblich zu seinem eigenen Lohn bei. Aber er konnte es noch nie verstehen, wieso jemand überhaupt so viel zahlt und ohne schlechtes Gewissen in beinahe unendlichem Platz schwelgt, während es in der zweiten Klasse wie in einer Hühnerzuchtanlage, die garantiert nicht vom Tierschutzverein zugelassen werden würde, zu und her geht. Wir sind schon beinahe wie die Inder mit ihrem Kastensystem, denkt Max,  oder wie die Südafrikaner zu Zeiten der Apartheid. Naja, fast. Tief in seinem Herzen ist er halt doch irgendwie Anhänger des guten alten Kommunismus, der liebe Max.
Der nächste Wagen ist der Speisewagen, jedoch ist er wie leer gefegt, für diese Mittagszeit ziemlich ungewöhnlich. Wahrscheinlich wollen sich die Leute jetzt nicht vollfressen, wo sie doch wissen, dass für heute Abend fette Gans, Lebkuchen und Glühwein auf sie warten. Max grüsst seine gelangweilten Kollegen, zieht seine Mütze wie zu alten Zeiten und läuft dann schnurstracks zum nächsten Wagen, um ja nicht in irgendwelche belanglose Gespräche mit seinen Kollegen verwickelt zu werden.

Treppe hoch, zweite Klasse. Komische Anordnung der Waggons, denkt er. Ein überfüllter Wagen mit Normalsterblichen. Langsam pflügt sich Max durch den Gang, nimmt Fahrkarten entgegen, sagt zur Abwechslung manchmal „Danke“ anstatt „Merci“ und fragt sich bei jedem einzelnen Gesicht, das ihn mit grossen Augen anblickt, welche Geschichte sich in ihnen versteckt. Woher sie kommen, wohin sie gehen. Und wieso. Was sie da lesen. An was sie denken. Oder an wen. Was sie gestern gemacht haben, was sie morgen machen wollen. Welche Pläne sie für heute haben. Ob er sie jemals wieder sehen wird.
Und die gleichen Fragen stellt er sich selber. Woher kommt er, wohin geht er? Und wieso? Er sieht jeden Tag die ganze Schweiz, fällt ihm in diesem Moment auf. Die ganze Schweiz, von St. Gallen über Zürich bis nach Genf, von Chur über Luzern bis runter nach Bellinzona. Und er sieht jeden Tag Schweizer aus allen möglichen Orten dieses Landes, aus jedem erdenklichen Kaff. Nur sie sieht er nicht. Aber daran will er nicht denken, nicht heute, obwohl der Gedanke unausweichlich ist, vier Jahre, vier lange Jahre. Er weiss schon, wieso er an diesen Tagen arbeitet, an diesen Tagen, an denen jeder noch so businessbesessene Geschäftsmann nur über seine Leiche nicht bei seiner Familie bleibt, bei seinen lieblichen Kindern und seiner wunderschönen Frau. Und seiner wunderschönen Frau. Vier Jahre. Auf den Tag genau. Vier.
Tränen sammeln sich in seinen Augen, verschleiern seine Sicht, die ersten seilen sich an seinen Wimpern ab und rollen seine eingefallenen Wangen hinunter. Er wollte doch nicht daran denken, nicht heute, nicht hier, nicht vor so vielen fröhlich gestimmten Menschen. Ärgerlich wischt er mit dem Ärmel über sein Gesicht und läuft mit gesenktem Blick zur nächsten Schiebetüre, schlüpft durch sie und schliesst sie hinter sich. Max erklimmt die Treppe, blickt auf seine Armbanduhr. Acht Uhr morgens. Seine Schicht hat gerade erst angefangen. Schweissperlen rinnen seine Stirn hinab, verzweifelt versucht er, seine Fliege zu lockern, die Luft hier oben ist dünn, zu dünn, er hechelt, er hechelt nach Sauerstoff. Noch zwölf Stunden. Seine zitternde Hand tastet die Brusttasche seiner Arbeitsuniform ab, doch er findet die Tabletten nicht, dabei ist er sich sicher, sie heute Morgen eingepackt zu haben. Er muss seine Tabletten nehmen, er muss, er muss. Zitternd zieht sich Max die nächste Treppe hinauf und stürzt zur Zugtüre. Vier Jahre. Der Zug öffnet seinen Rachen und speit ihn aus. Max landet auf dem kalten Bahnhofsperron, seine Mütze segelt die Gleise hinab. Mit einem fröhlichen Pfeifen verabschiedet sich der Zug und tuckert davon, die Räder quietschen, in Max‘ Ohren tönt es so, als riefen sie ihm neckisch „Frohe Weihnachten“ nach. Er rappelt sich auf, will sich orientieren, blickt verzweifelt umher, doch dicke Nebelschwaden wabern durch die Lüfte und Max erkennt seine eigene Hand vor den Augen nicht mehr. Die Nacht bricht ein und mit ihr die Kälte. Max‘ Finger werden klamm, ehe sie ganz einfrieren, auf seiner Nase wachsen Eiszapfen in rasender Schnelle. Max taumelt den Perron entlang, bestimmt ist er in Küsnacht gelandet, nur will ihm das keine Menschenseele verraten, denn der Bahnhof ist wie leergepustet. Aber er muss nach Hause! Sie hat doch Schweinsplätzchen mit Kartoffeln gekocht, sein Leibgericht, und dazu Kräuterquark und zum Nachtisch ihr berüchtigtes Kirschkompott mit heisser Vanillesauce, so wie jedes Jahr, und dann singen sie und zünden die Kerzen des Baumes an und dann schauen sie sich einen Agatha Christie Film an, Mord im Orientexpress, haha, Mord in einem Zug, sehr aufmunternd, haha, dass er auch ja keine Albträume bekommt, in einem Zug, da arbeitet er ja, haha, und oh, die Blumen, natürlich, er wollte ihr doch noch Blumen mitbringen, sie liebt Blumen, sie sind wunderschön, so wie sie, wunderschön, er bringt ihr –Wumm! Max fliegt zu Boden, seine Wange brennt wie Feuer. Irgendein Saukerl hat ihm eine geschmiert, denkt er, doch dann realisiert er, dass sich seine Vernunft soeben selbst geohrfeigt hat. Vier Jahre, lieber Max, vier Jahre schon. Reiss dich zusammen! Steh auf und lauf zum Bahnhofsschalter, die sagen dir schon, was du machen musst, um nach Hause zu kommen. Und dort nimmst du dann als allererstes deine Tabletten, alter Spinner!
Mühselig rappelt sich Max auf, klopft den Dreck von seiner Hose, bricht die Eiszapfen von seiner Nase und wirft sie zu Boden. Klirrend rollen sie den Perron entlang, bevor sie zum Stehen kommen. Eiszapfen. Die perfekte Mordwaffe, hat sie immer gesagt. Wie vor vier Jahren. Die perfekte Mordwaffe. Sie lösen sich einfach in unschuldiges Wasser auf. Eiszapfen. Und sie hat nicht einmal geschrien. So schnell war sie kalt. Haha, kalt, kalt wie der Eiszapfen selbst. Und rot. Wunderschön rot. Alles rot, alles, auch das blonde Haar, rot. Und sie hat ausgesehen wie der allerschönste Engel. Vier Jahre. Und der See hinter ihrem Haus ist tief, so tief, dass er gar keinen Grund hat. Perfekt um eine Leiche zu versenken, hat sie immer gesagt, haha, perfekt. Und niemand weiss wie perfekt, haha, niemand, gar niemand. Max schüttelt seinen Kopf und dann schüttelt er ihn nochmal und dann nochmal, bis alle Stimmen, alle Erinnerungen aus seinem Gedächtnis gepurzelt sind, er atmet tief ein, tief aus, tief ein und dann wieder aus und wieder ein und wieder aus. Ein und aus. So. Und jetzt zum Schalter. Geht Beine, geht zum Schalter. Alles wird gut. Nach Hause. Und dann die Tabletten. Doppelte Portion. Alles wird gut. Die Nebelschwaden verziehen sich langsam, gewähren dem Licht der Nachmittagssonne Zugang zum Erdboden. Da! Was ist das? Da unten, auf den Gleisen, da ist doch was! Es glitzert und glänzt da, da ist was! Max kneift seine alten Augen zusammen. Das ist doch … ein Weihnachtsstern! Blumen! Rote Blätter, mit silbernem Glitter bestäubt. Wunderschön. Er bringt ihr jedes Jahr Blumen mit, jedes einzelne Jahr. Auch vor vier Jahren. Hastig klettert er den Bahnsteig hinab, verheddert sich mit seinem Fuss, fällt zu Boden, auf die Gleise. Schnell rappelt sich Max auf, greift nach den Blumen im Übertopf. Die Blätter sind so schön, so rot, blutrot. Max umarmt den Blumentopf, versenkt sein Gesicht in den duftenden Blättern, er dreht sich im Kreis, immer wilder, immer schneller und die Blütenblätter wandeln sich in rote Fäden, in rotes Haar, rotes, nasses Haar, das schlaff dem bleichen Gesicht hinabhängt, dem bleichen Gesicht mit den geschlossenen Augen und dem blutverschmiertem Mund, an das Gesicht wachsen Hals und Arme, Rumpf und Beine, in einem leichten Kleid, weiss wie Schnee mit roten Flecken, ganz schlaff hängt sie in seinen Armen, schlaff und leblos, doch ihre Lippen sind so voll wie eh und je, so sinnlich geschwungen, so blutrot und weich, und er küsst sie, die Lippen, die er liebt, küsst sie voller Leidenschaft, sie fühlen sich weich an, weich und vertraut und kalt, und er dreht sich immer noch im Kreis, immer weiter im Kreis, ihr schlaffer Körper wirbelt um ihn, ihr schneeweisses Kleid flattert im wilden Tanz und er küsst ihre Lippen und kommt nicht mehr los von ihr, denn er liebt sie und sie ist gegangen, vor vier Jahren, sie ist gegangen und er wird sie nie wieder haben, sie ist gegangen, und ihre Lippen sind so weich, so weich. Zwei Augen beobachten ihn, zwei gleissend helle Augen, sie beobachten ihn von der Ferne, wie er tanzt, wie er mitten auf den Gleisen tanzt, ohne nichts, nur er, und die Augen nähern sich ihm, rasen direkt auf ihn zu, sie sind schnell, unheimlich schnell, zu schnell, und ohne zu blinzeln, erfassen sie Max, sein Körper schleudert durch die Luft, fünf, sechs Meter, bevor er auf die Schiene aufschlägt und sogleich vom gefrässigen Maul des Zuges verschlungen wird. Max dreht sich und dreht sich unter den Rädern, doch er spürt keinen Schmerz, denn in seinen Armen hält er immer noch sie, und alles rot entschwindet aus ihrem Haar, aus ihrem Kleid, von ihrer Haut und so hält er sie nun in seinen zertrümmerten Armen, ein blonder Engel in schneeweissem Kleid, makellose Haut, rosa Wangen, rote, zarte Lippen, umspielt von einem sanften Lächeln. Ihre Lider zucken, langsam öffnet sie ihre Augen und sie leuchten seine an, so wie das Flackern zweier flammender Kerzen.
Und er sieht sie wieder.

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