Sie treffen sich jede Woche am Weiher, jeden Donnerstag um
fünf Uhr, ohne dies jemals abgesprochen zu haben. Auf jeden Fall kann sich
keiner von ihnen an eine Vereinbarung dieses Zeitpunkts erinnern. Sie finden einfach
zu sich. Jeden Donnerstag um fünf Uhr, bevor die Kälte mit ihren klammen
Krallen nach ihnen greift und die Sonne ihre grosse schwarze Decke über den
Horizont wirft, um sich schlafen zu legen. Jeden Donnerstag um fünf. Am Weiher.
„Hast du die vielen Kräne gesehen? Die ganze Stadt ist voll von ihnen.“
„Wir sind im Umbau, das ganze System wird umgerümpelt, denn es hat sich nicht bewährt. Die Welt fällt auseinander.“
„Wie meinst du das?“
„Sie wollen es sich nur nicht eingestehen! Sie wollen es nur vertuschen, die ganzen Risse irgendwie wieder zusammenbasteln, aber das klappt nicht! Wenn ein Teil reisst, nur das allerkleinste Teilchen, dann kracht alles zusammen, weisst du?“
„Was du redest. Man könnte meinen, du wirst wieder verrückt.“
„Verrückt? Wieso sollte ich verrückt werden? Ich sehe einfach genau hin, da ist nichts Verrücktes dabei. Jede Nacht, wenn ich umherwandere, sehe ich es.“
„Was siehst du?“
„Chaos. Unruhe. Eine kaputte Gesellschaft, die sich an ihren eigenen Lügen labt und sich vormacht, gesund zu sein.“
„Nachts schlafen die Menschen.“
„Ihre Körper. Wenn sie nicht eine Nachtschicht einlegen müssen. Doch ihre Geister liegen wach in den Betten und schreien nach Erlösung, nach nichts als Erlösung.“
„Nimmst du noch deine Antidepressiva?“
„Es macht, dass ich überall smileykotzende Menschen sehe, sie verzehren die Realität und tauchen mich in eine dumpfe Traumwolke, die mir eine süsse Welt vorgaukelt.“
„Nimmst du sie noch?“
„Wieso sollte ich?“
„Du weinst.“
„Ich weine dem Ende der Welt entgegen. Aber es geht mir gut, danke.“
„Du würdest nicht weinen, wenn es dir gut ginge.“
„Diese Tränen verursachen keine Schmerzen in meinem Herzen. Es sind wahre Tränen. Nicht ich bin der, der nicht weinen sollte. Du bist es, der die Sache falsch sieht. Ihr alle seht es falsch, ihr wiegt euch in dieser Welt aus aufgeblasenen Lügen. Alle Augen der Menschheit müssten tränenverhängen in den Tag hineinleben. Die Welt bricht auseinander. Was will man da anderes tun als zu weinen?“
„Kann es sein, dass du zu wenig schläfst? Hast du Stress? Wahnvorstellungen?“
„Ha! Wahnvorstellungen! Gib doch zu, dass es dir genauso geht wie mir, wirf deine Maske zu Boden und zeig mir dein wahres Gesicht.“
„Mit Verlaub, es tut mir Leid, aber ich kann dir beim besten Willen nicht folgen. Was ist aus dir nur geworden?“
„Du bist nicht besser als der Rest von ihnen, ihr seht es alle einfach nicht! Die Gesellschaft verspeist uns bei lebendigem Leib! Lebt ihr nur weiter so, doch ich gehe.“
Mit einem Satz springt er in die grünen Tiefen des Teiches,
das Wasser schliesst sich über seinem Körper und spuckt ihn erst wieder aus,
als dieser nur noch reglos auf dem Bauch zu treiben vermag. Sein Freund
schüttelt den Kopf über seinen toten Freund, er weiss, dass ihm ein normales
Leben so oder so nicht mehr gewährt gewesen wäre. Er war ein hoffnungsloser
Fall, verloren in seiner verrückten Hysterie.
Als er sich umdrehen will, um nach Hause zu trotten und sich in seine Arbeit zu stürzen, die seine Hauswände beinahe zu Einstürzen bringt, fällt er in den zerklüfteten Abgrund, der die eben noch intakte Erde durchzogen hat. Wenig später fällt sowieso alles in diesen hinein; Die Welt ward von da an nie wieder gesehen, den sie zerbrach, zerbrach an all dem Schlechten, all der Hoffnungslosigkeit, aber vor allem an ihrer himmelstraurigen Blindheit, die es ihr verwehrte, das wahre, teils selbstverschuldete Leid ihrer pseudoglücklichen, in Wert und Norm eingequetschten und doch so sehnlichst nach Freiheit strebenden Bewohner zu erkennen.
Als er sich umdrehen will, um nach Hause zu trotten und sich in seine Arbeit zu stürzen, die seine Hauswände beinahe zu Einstürzen bringt, fällt er in den zerklüfteten Abgrund, der die eben noch intakte Erde durchzogen hat. Wenig später fällt sowieso alles in diesen hinein; Die Welt ward von da an nie wieder gesehen, den sie zerbrach, zerbrach an all dem Schlechten, all der Hoffnungslosigkeit, aber vor allem an ihrer himmelstraurigen Blindheit, die es ihr verwehrte, das wahre, teils selbstverschuldete Leid ihrer pseudoglücklichen, in Wert und Norm eingequetschten und doch so sehnlichst nach Freiheit strebenden Bewohner zu erkennen.
Unterm Rad - Hermann Hesse?
AntwortenLöschenHesse ist ein Meister der Worte; aber nein, es ist nicht nach ihm, sondern nach wahren Begebenheiten. Beinahe wahren Begebenheiten.
LöschenThank you!
AntwortenLöschenTravelling is besides writing my passion as well, so I'm looking forward to visit your blog.