Donnerstag, 12. Dezember 2013

Engelsschlaf





Die weissen Wände zogen in berauschender Eile an mir vorbei, der einzigen Fixpunkt, an dem sich meine benebelten Augen in diesem stürmischen Strudel aufhängen konnten und der mich so vom Wegdösen bewahrte, waren zwei nussbraune Augen, die auf den Meinigen ruhten. Das Grinsen um meine Mundwinkel liess langsam nach, auch wenn ich dieses wirre orange Bild, das vorhin eben noch im Zimmer hing, immer noch äusserst amüsant fand, wie es beinahe beängstigend schnell auf mich zugesprungen kam und meine Sinne mit seinem verrückt tanzenden orange-blauen Farbwirrwarr verwirbelte. Ebenso wenig vergass ich das entrüstete Lächeln der Krankenschwester, die mir in beinahe panischer Gutgläubigkeit beigebracht hatte, wie berauschend schnell dieses Beruhigungsmittel seine drogenähnliche Wirkung entfalten und meinen Verstand verwirren würde. Stimmen sprachen mir beruhigend zu, ich solle mich zur Seite wenden, und schon flog ich, getragen von sanften Händen mit tausenden spitzen Fingern, die sich in meine nackte Haut bohrten und klaffende Wunden hinterliessen, von denen weder Blut noch Schmerz ausging. Kichernd rollte ich mich wie ein ungeborener Embryo zu einem Kringel und kuschelte mich in meine neue Trage. Mein Blick verschwamm, schwach erkannte ich die Kanüle, die mir am Handrücken angebracht wurde, und folgte der Hand, die noch an dieser fuhrwerkte, in der Hoffnung, irgendwo die altbekannten himmelblauen Augen, die ich hinter diesen geschickten Fingern vermutete, zu finden. Doch das einzige, was ich noch sah, verschwamm vor meinen Augen, tausend dämlich grinsende Fratzen, die nach mir griffen und in verrückter Hysterie wieherten. Ich war mir sicher, sie lachten mich aus.
„Bald schläfst du, bald ist alles vorbei“, hörte ich von der Ferne eine feine Stimme wispern, wie aus einem billigen Drehbuch abgelesen.
Mein Blick schwand in die Endlosigkeit. Eine dieser unzähligen, laut kichernden Fratzen drückte mir wie zum Spass die fiesen spitzen Stacheln der Elektroden… tief in Schultern und Brust und schüttelte meinen halbtauben Körper. Erzürnt wehrte sich mein Verstand gegen diesen brennenden Schmerz, doch mein Körper war bereits nicht mehr stark genug, sich gegen die fremden Hände sträuben. Langsam entglitt ich in die Welt des künstlichen, sonnendurchfluteten Schlafs, der mir die wahnwitzigsten Träume schenkte, welche ich sogleich wieder vergass, als wären sie nie in meine Fantasien gesickert. Ich wusste, wenn ich aufwachte, wäre ich gereinigt. Gereinigt von all dem Schlechten und all dem Bösen, von den Jahren, die mein gedrungenes Rückgrat zu tragen hatte, von der Verdorbenheit, die meine Augen aufgesogen hatten, von dem Schmerz, der meine Haut zerkratzte und mein Herz zerriss, immer wieder, ohne Ende. Gereinigt von all dem Schwarz, das sich in das unschuldige Weiss einer jeden neugeborenen Seele mischt und nichts als ein verkrüppeltes Gemüt in dämmerigem Grau zurücklässt, bis sie schliesslich verkümmert und vermodert, gezeichnet vom Leben, das gierig alle Energie und Kraft aus ihm saugt. Wenn ich aufwache, hätte ich Flügel. Alles Übel vergessen, bereit für einen neuen Anfang.
Mit diesen Gedanken schweifte ich vollends von dannen.
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Sanft drangen Stimmen in mein Bewusstsein. Ein schlechtes Gefühl kroch meine Kehle hinauf und endete in einem erstickten Schrei. Panisch warf ich mich in meinem Bett hin und her, verhedderte mich in den  Schläuchen, die aus meinen Armen quollen. Ich zwang verzweifelt meine Lider, mir Sicht zu schenken und fing die Blicke tausend stechender Augen.
„Wach auf, kleiner Engel“, sagten zwei von ihnen. „Und rette die Welt.“
Ich breitete mein schwachen Arme aus, wanderte ihnen mit scheuem Blick entlang zu meinen zarten Fingerspitzen, die mit den hellen Sonnenstrahlen, die in das kleine Fenster fielen, spielten,  und wieder zurück, und sogleich wuchsen aus ihnen kräftige, schneeweisse Federn, durchbrachen meine Haut und wandelten meine menschlichen Arme in  schwanenähnliche Flügel. Eine Träne entrann meinem Auge und mit ein, zwei kräftigen Schlägen trugen mich meine Engelsschwingen aus diesem Fenster hinaus, nach oben, immer weiter gen Himmel.


 

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