Mittwoch, 18. Dezember 2013

Leon




Yeah, she loves you Leon, yeah, she loves you Leon Leon
Yeah, she loves you Leon, yeah, she loves you Leon Leon

Sie liebt dieses Lied, hört es rauf und runter, den ganzen lieben langen Tag, die ganze dunkle, düstere Nacht. Sie sitzt still da und lässt es in ihre klangsüchtigen Ohren rauschen. Sie tanzt in ihrem Zimmer. Sie tanzt draussen in der Dunkelheit, sie tanzt, wenn es regnet, wenn es schneit. Die Lyrics hämmern sich in ihren Schädel, verfolgen sie in ihren Träumen. Sie hört nichts anderes mehr. Denn sie liebt ihn. Und er weiss es nicht.
Sie mag die Art, wie er dasteht. Einfach so, ganz unkompliziert. Er macht sich keine Gedanken darüber, ob seine Jacke sitzt oder seine Frisur stimmt, zumindest scheint es so, als wären ihm diese Dinge, auf die alle anderen Wert legen, egal. Er redet nicht viel. Doch er weiss genau, was er zu erzählen hat, diese gewissen Dinge. Nur schreibt er sie auf. Aussprechen tut er sie nie. Die Ohren, die auf seine Worte stiessen, würden sie nicht gebührend schätzen, dessen ist er sich sicher. Doch die Augen, die seine Zeilen aufsaugen, die wissen, was er sagen will. Und darum ist das gut so mit dem Schreiben. Er sagt nie was.

Morgens sitzt er schon im Bus, wenn sie einsteigt. Der Platz neben ihm ist immer frei. Sie könnte sich neben ihn setzen. Ihm ein nettes Lächeln schenken. Sich bei ihm vorstellen. Ihn irgendetwas fragen. Hauptsache seine Stimme zum Ertönen bringen und ihrem fremden Klang lauschen. Ihn Dinge fragen, ihm zuhören, seine Worte aufsaugen, in seine Welt versinken. Sie ist sich sicher, dass er die Welt auf wundersamer Weise sieht. Auf magischer Weise. Sie würde ihn dazu bringen, ihr seine imaginäre Brille aufzusetzen, um die Welt durch seine Augen zu sehen, besser zu verstehen, jede Busfahrt, jeden Tag ein Stückchen mehr. Wenn sie sich neben ihn setzen würde. Aber sie tut es nicht. Denn sie weiss nicht, was er denkt. Sie weiss nicht, was er will. Aber sie weiss, dass er nicht mit anderen Menschen redet. Vielleicht, weil er sich nicht traut. Vielleicht, weil er nicht weiss, was er sagen soll. Vielleicht, weil er mit Menschen nicht umgehen kann. Vielleicht aber auch, weil er sich einfach zu schade dafür ist. Wahrscheinlich ist er ein arrogantes Arschloch. Doch das wird sie nie erfahren. Denn sie kann den Mut nicht aufbringen, ihren Hintern zu ihm zu schwingen. Sie hat Angst vor seiner Abweisung, die alle ihre Träumereien in sekundenschnelle in Schutt und Asche legen würde. Aber eben. Wahrscheinlich ist er ein arrogantes Arschloch. Und trotzdem, oder vielleicht genau deswegen zieht er ihr Interesse auf unangenehmer, unterschwellig aufdringlicher Weise an. Sie mag Geheimnisse. Er bewahrt viele von ihnen in seinem Geiste. Sie ist fasziniert von ihnen. Und will sie alle lüften. Doch sie kann ihre Angst davor, dass das Feuer in seinen Augen nicht für sie brennt, nicht überwinden. Jede Nacht weint sie ihrem fehlenden Mut nach, ihrem verlorenen Vertrauen in die Welt, das sich vor Jahren verdünnisiert hat und sie verflucht ihre Schüchternheit, ihre verdammte Schüchternheit.
Anderen mag er kaum auffallen. Und niemand fällt ihm auf. Nur ihr, ihr schenkt er es manchmal, ganz selten, diesen einen Blick, wissend, was ihr sehnlichster Wunsch ist, wissend, was sie denkt, was sie fühlt, diesen Blick, und das Zwinkern, das brennt, brennt wie Feuer. Und dieses Feuer, dieses kurze, elektrisierende Gefühl, es reicht aus.
Es sind starke Worte, sie weiss es. Doch es ist so. Und darum benutzt sie sie.
Sie liebt ihn.
Und er weiss es nicht. Er wird es nie wissen. Denn er ist gesprungen. Vor einem Jahr. Und seit dem tanzt sie.


She loves you Leon
She loves you Leon
Sie liebt dich Leon.
Sie liebt dich.
Leo.

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