Sonntag, 20. Oktober 2013

Reiseführer für Erdfremde



Ich mag Aliens. Wenn uns einer besuchen würden, würde ich ihm liebend gerne unseren Planeten vorstellen, ihm alles über Mutter Erde erzählen. Zuerst müsste ich ihm die Krone der terrestrischen Schöpfung, das höchste aller hier hausenden Lebewesen näher bringen. Gestatten, der Mensch. Zweibeinig, aufrechter Gang, ein Gehirn, das weit mehr Synapsen in sich trägt als das gesamte Universum Sterne zu zählen vermag und so zu manch wilder Spinnerei und flausiger Idee neigt. Würde der/das Alien (tatsächlich sind laut Duden beide Varianten möglich, männlich und sächlich, wobei mir dies als überzeugte Feministin *hüstel* als eine äusserst ungleichberechtigende Lösung erscheint. Schliesslich weiss kein Mensch bis zur näheren Betrachtung des Ausserirdischen, ob er/sie/es überhaupt einem Geschlecht zugeteilt werden kann, oder wortwörtlich nichts in der Hose hat, wobei wir schon beim nächsten Punkt sind.) Also, würde die extraterrestrische Lebensform beim Anblick einer freizügig powackelnden Miley Cyrus o. Ä. lüstern seine gegebenenfalls vorhandenen Augenbrauen anheben, könnte ich beruhigt mein Aufklärungsbuch für 5. Klässler zuklappen, in den nächstbesten Mülleimer werfen und mir so die ganze Fortpflanzungsgeschichte ersparen, da sie sich ja anscheinend nicht nur auf unserem Planeten als beständigste Variante dem Aussterben entgegenzuwirken etabliert hat. Würde sich in des Aliens Gesicht keine Regung zeigen (Ich verwende der Einfachheitshalber ab nun die gerechteste Variante – Das Es), würde ich dies entweder darauf schliessen, dass es wohl schwul/frigide/zu jung für versaute Gedanken/treu verheiratet/ein heterosexuelles Weibchen sei, oder aber tiefseufzend feststellen, dass diese erdfremde Spezies tatsächlich geschlechtslos ist und sich auf mysteriöser Weise asexuell fortpflanzen würde. Also doch die ganze Bienchen-und-Blümchen-Erzählung. Schliesslich muss das Alien wissen, was der Grund allen Tun und Lassens des Menschen, der absolut triebgesteuerte Hintergrund allen Strebens, Lebenslust und –Frust ist.
Nächster Punkt der Führung über die Erde und seine freundlichen Bewohner. Die grossartige Geschichte, wie der Mensch das Zepter über alle Lebewesen ergriff und somit die ganze Weltherrschaft an sich riss, würde ich in ein, zwei Sätzen zusammenfassen. Und zwar folgendermassen: Da war ein Urmensch, der sich niederliess, sein eigenes Häuschen baute und merkwürdige Krümelchen in die trockene Erde steckte, aus welcher sich dann wie durch Zauberhand grüne, lebenspendende Pflanzen erhoben, die dem Urmenschen beim Verzehr genügend Energie schenkten, um wilde Tiere zu jagen und mit ihrem Fleisch andere Menschen zu ernähren, um sich herum zu versammeln und so ein ganzes Dorf, eine Stadt aufzubauen. Und dann, einige Jährchen später kam da ein Cäsar, dann irgendwann mal ein Napoleon und dann ein Hitler, alle drei grössenwahnsinnige und von Minderwertigkeitskomplexen gequälte, gar psychopatisch gefärbte Tyrannen, die die ihnen gegebene Herrschaft rigoros vergewaltigten, hunderte ihrer Untertanen in den kalten, ungerechtfertigten Tod schickten und so als Schwerverbrecher in die Weltgeschichte eingingen. Fertig mit dieser Weltgeschichte. Das Alien wäre so oder so nicht besonders interessiert am historischen Hintergrund unseres Planeten. Wieso sollte uns auch ein Alien aufgrund touristischer Interessen besuchen wollen? Schon mal einen Ausserirdischen mit Kamera und bis zum Knie reichenden Socken unter den Sandalen gesichtet, der irgendwelche antiken Bauwerke abknipst? Eben. Vielmehr würde es auf zahlreich vorkommende Rohstoffe hoffen, die es uns dann irgendwie frech abluchsen würde. Schliesslich gibt es für keine extraterrestrische Lebensform einen anderen Grund, solch einen lichtjahrtausendlangen Weg auf sich zu nehmen, als die Verarmung an Wasser, Erdöl und Platz des eigenen Planeten. Meiner Meinung nach zumindest. Wenn Aliens kommen, dann nicht in guter Absicht, sie kommen nur, um sich rücksichtslos zu holen, was sie brauchen. Egoismus ist nun mal nicht nur der Grundzug der Psyche eines jeden Menschen. Es ist der Grundzug der Psyche eines jeden Lebewesens, von welchem Planeten es auch kommen mag. Und deshalb würde mich das Alien über unsere Ressourcen, unsere Luftqualität und ähnlichem ausfragen, nur ganz beiläufig, um nicht den Eindruck zu erwecken, sich an unseren Bodenschätzen vergreifen zu wollen. Die Antwort, die ich ihm auf diese Frage geben würde, bedürfte einer ausschweifenden Vorbemerkung, die ich mir zuerst schön zusammenbüscheln müsste, weshalb ich das Alien erst einmal auf später vertrösten würde.  Zurück zu dem Vortrag, den ich dem Neuankömmling bieten würde, am besten begleitet von einer feschen Powerpoint Präsentation, gespickt mit willkürlich daher hüpfenden und wild rotierenden Titeln in gewagten Farbkombinationen. Die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten muss schliesslich gebührend visualisiert werden. Als nächster zu erwähnender Punkt, der mir gleichzeitig nach kurzer Überlegung als Vorbemerkung zur Beantwortung der Frage dieses Aliens diente, wäre da die aktuelle Lage unseres Planeten, die ich dem erdfremden Wesen erklären würde. Aber zuerst würde ich ihm unsere Welt beschreiben, wie sie damals, vor gar nicht allzu vielen Jahren, ausgesehen hat. Damals, als die Menschen sich noch in ihren eigenen Exkrementen labten, nur assen, was sie selbst angebaut hatten und sich ihre Kleider eigenhändig nähten. Mit eigens gewebten Stoffen. Aus Wolle ihrer eigenen Schafen. Selbst gescherten Schafen. Kurz, als die industrielle Revolution noch nicht mit ihren heissen, rastlosen Fingern um sich griff, die Leute mit Geldgier und das Land mit Abgasen der aufblühenden Globalisierung dieser ewig pulsierenden Welt verpestete, als Mutter Erde noch wie ein übergrosses Abbild der Venus mit üppigen, milchgefüllten Brüsten und gebärfreudigen Hüften vor Fruchtbarkeit und jungfräulicher Reinheit nur so strotzte.  Als die Erde noch rosig war, übersät von grünen Pflanzen und durchzogen von süsser Lieblichkeit, in welcher pausbäckige Kinder freudestrahlend Purzelbäume schlugen und Löwenzähne pusteten. Als sich der Hass noch nicht in den Gemütern der Gesellschaft eingenistet hat, von Eifersucht und verbissenem Perfektionismus zum Leben erweckt. Als die Welt anders war, nicht besser als heute, aber unschuldiger. Damals. Heute ist alles anders, diese Tage, an denen von allem irdischen Bestehen der süsse, honiggelbe Honig tropfte, gehören der Vergangenheit an, deren Existenz nur noch in unseren Memoiren ihrem Dasein fristet. Nun tropft da von der hämmernden Wirklichkeit nur noch ein kläglicher Rest schwarzen Erdöls aus den Tiefen der ausgebeuteten Mutter Erde, in welchem Smileys mit Dollarnoten als Augen und fettem Grinsen im Gesicht herumschwimmen.
„Und deshalb“, würde ich nach diesen langen Ausschweifungen meine Rede schliesslich beenden, „ist es uns nicht gewährt, dir etwas mit auf deinen Weg zu geben. Bei uns gibt es nichts mehr zu holen. Aber falls du einen reichen Planeten findest, du kennt ja unsere Koordinaten in der Milchstrasse.“ Dann würde ich ihm verschwörerisch zuzwinkern. Zweimal. Denn doppelt hält besser, verrät dennoch nichts von der Verzweiflung über die aussichtslose Lage, in welche wir unsere Heimat drängen, die sich langsam und schleichend in mir breit macht.
Und so würde das Alien verdrossen in sein Ufo steigen und davondüsen.

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