Dienstag, 1. Oktober 2013

Perpetuum mobile




Ich stehe da, vor mir die in oranges Licht getauchte, zerklüftete Berglandschaft. Die Sonne greift mit ihren Armen, die alles zum Brennen bringen, um sich, wärmt meine Haut und weckt alles Leben auf.  Gebirgsbrocken recken sich nach ihr, sehnsüchtig strecken sie ihre steinigen Finger gen Himmel. Einst wuchsen sie immer höher und höher, bis die Realität ihnen klar gemacht hat, dass sie ihr Ziel, Mutter der Wärme, nie erreichen würden. Vögel ziehen ihre unendlichen Kreise weit über mir, auf der Suche nach etwas ganz bestimmten, doch was genau das ist, wissen auch sie selbst nicht. Die Morgendämmerung lässt die Gebirgszüge erleuchten, weckt die Milliarden Jahre alten Felsen auf, sie zeigen mir ihr wahres Gesicht. In der Ferne verschwimmen die Gesteine mit dem Himmel, als würden sie mit der Ewigkeit verschmelzen wollen. Die Sterne verblassen, winken mir ein letztes Mal zu. Der grosse Wagen fährt davon, macht sich auf seine ewige Reise zu einer anderen Galaxie. Doch weit wird er nicht kommen. Heute Abend, da wird er wieder da sein. Er flüchtet an jedem neuen Tag, doch ist er gefesselt an meinem Planeten und egal, wie schnell sich seine Räder drehen, in der Nacht wird er sich wieder festgenagelt  am Himmel finden und  eben diesen verfluchen. Ich winke zurück. Gute Reise.
Die Sonne geht auf, blendet meine Augen. Irgendwann platzt sie, da bin ich mir sicher. Seit Tausenden von Jahren dreht sie sich um sich selbst und schaut ihren Kindern zu, wie diese wiederum ihre Bahnen um sie ziehen. Und sie dreht sich und dreht sich, steht niemals still und wird es auch nie tun. Doch niemand kann sich ununterbrochen um sich drehen. Irgendwann platzt sie. Die Sonnenfetzten werden mit Lichtgeschwindigkeit in das Universum fliegen, einige treffen auf die Erde und einer, ein ganz gewisser, landet auf meiner Wange und ätzt mir das Fleisch bis auf den Knochen weg. Hastig  wische ich mir den Staub aus dem Gesicht.
Einst drehte auch ich mich, ich drehte mich und drehte mich ununterbrochen um mich selber. In gleichmässiger Geschwindigkeit, in immer der gleichen Bahn. Es war die perfekte Geschwindigkeit, die perfekte Bahn. Ich hatte alles unter Kontrolle. Ich war perfekt. Doch Perfektion ruft das Gefühl der Missgunst und der Eifersucht in anderen Geschöpfen hervor, die ebenfalls nach dieser Perfektion streben und sie doch nie erreichen. Diese Gefühle bedrängten mich von allen Seiten, zerdrückten mich zu einer unförmigen Birne, der es verwehrt ist, ihre gleichmässigen Bahnen zu ziehen und glücklich zu sein. Ich war kurz davor zu bersten, konnte dem Druck nicht mehr standhalten. Ich musste fliehen, fliehen um mich und die anderen Geschöpfe, die sich vor Eifersucht fast gegenseitig die Köpfe einschlugen, zu schützen. Ich hätte gerne aufgehört mich zu drehen. Aufgehört, perfekt zu sein. Doch ist man einmal in dieser vollkommenen Bahn, die ich nun mal gefunden habe, hat man einmal das perfekte Gleichgewicht zwischen Gravitation und Fliehkraft gefunden, kann man sich seinem Schicksal nicht mehr entziehen, man dreht sich und dreht sich und dreht sich. Und kommt nie zur Ruhe. Ich hatte sie gesucht, die perfekte Bahn, doch gefunden hatte sie mich. Und seitdem liess sie mich nicht mehr los, so wie mich die neidischen Blicke und die wispernden Münder verfolgten und gierig auf meinen Kollaps, mein Scheitern, eine regelrechte supernova humana, warteten. Irgendwann platze ich, da war ich mir sicher. Meine zerfetzten Überreste fliegen mit Lichtgeschwindigkeit durch das Universum und einer, ein ganz gewisser, landet auf diesem einen, auf meinem Planeten und bringt ihn zum Glühen. Und ich folge diesem Glühen, erst nur mit meinem Blick, in den Nachthimmel schweifend, dann mit meinen Gedanken und schliesslich mit meinem Herz aus Muskelfleisch und Blut.
Und ich komme an.
Ich komme an und beginne zu leben, ein zweites Mal, ein glücklicheres Mal, ein Mal, in dem ich niemandem etwas beweisen muss, indem mir niemand Blicke zuwirft, welche gefährliche Waffen sind, in dem mir niemand vorgibt, mich zu mögen und in dem niemand Macht über mich hat. Niemand, der mich anlächelt und mir alles Gute wünscht, doch der mich in Wirklichkeit um meine perfekte Drehung beneidet. Und ich fange wieder an, meine Bahnen zu ziehen, mich unaufhörlich um mich selbst zu drehen, von nichts und niemandem gestört, denn ich bin allein, allein und frei.
Und ich drehe mich und drehe mich und drehe mich.

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