Donnerstag, 7. November 2013

Brenn





Sie geht aus, weil sie auf der Suche ist. Sie ist auf der Suche nach anderen Poeten, die nachts vor ihre Türen treten, um die Sterne zu zählen und in den Gesichtern der tanzenden Menschenmasse neue Charaktere für ihre Geschichten zu finden. Sie sucht nach ihren Artgenossen, die die Schönheit der Welt mit denselben Augen wie sie bewundern, die rastlos nach Worten suchen, um diese zu beschreiben, nach Worten, die ihr diese Welt erklären können.
Sie wird immer angeschaut, egal wo sie ist, sie glaubt, es ist wegen ihrer Ausstrahlung.
Menschen beobachten sie aufmerksam, wenn sie mit ihr reden, so, als hätten sie Angst, sie könne demnächst ausbrechen und wilde Phrasen bellen, wie ein Hund, der eben noch in tiefsten Träumen schlummerte. Sie behandeln sie vorsichtig, als wäre sie ein anderes Wesen, zu sensibel, um ohne Handschuhe angefasst zu werden, zu sanft, um Worte böser Zungen ertragen zu können, zu dünnhäutig, um nicht bei einer harschen Bemerkung in tausend glitzernde Splitter zu bersten. Die Menschen senken ihren Blick, wenn sie ihre Augen sucht, sie haben Angst, ihre Gedanken, die sie wie einen Goldschatz hüten, an sie zu verlieren. Sie haben Angst, analysiert zu werden, wie ein Versuchsobjekt, Angst, zu viel von sich preiszugeben. Sie sind nicht böse, die Menschen, doch sie spüren, dass sie anders denkt, anders fühlt, anders sieht. Sie fürchten sich vor dem anderen. Sie gehen ihm aus dem Weg, werfen ihm nur einen hilflosen Blick zu, denn sie wissen nicht, was sie mit ihm anfangen sollen. Sie ist anders.
Und sie schreibt und schreibt und schreibt, bis ihr alle Worte entflohen sind.
Wo sind die Menschen, die brennen? Wo sind die Menschen, die sich um nichts kümmern? Die einfach in den Tag hineinleben, und alles, was auf sie zukommt mit einer gewissen Gleichgültigkeit entgegennehmen? Wo sind die Menschen, deren Herzen  alleinig für die Poesie schlagen, deren einzige Nahrung aus Kaffee, Zigaretten und Büchern besteht? Wo sind die Lichter in der tiefen, dunklen Nacht, die ihr den Weg aus der Einsamkeit zeigen, der Einsamkeit, die sie schleichend vergiftet und langsam ihre immer schwächer glühende Flamme ausbläst, bis sie schliesslich ganz erlischt?
Ist sie denn ganz allein auf dieser Welt?


 
 

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