Samstag, 25. Januar 2014

Somnambulismus





Du bist unglücklich, denn du weisst zu viel. Du weisst alles sozusagen.
Manchmal denkst du, dass es einfacher wäre, nichts zu wissen. Nichts von alle dem. Normal zu sein. Denn die, die nichts wissen, sind glücklich, das hast du herausgestellt. Aber nun, wo du die ganze Welt, das ganze Universum, alles Sein und den ganzen Sinn dahinter verstehst, kannst du es nicht einfach ignorieren. Die gewonnene Erkenntnis hat sich in dein Gedächtnis eingebrannt.


Alles, was du glaubtest, hat sich als falsch herausgestellt. Alles, was du verachtetest, gehört nun deiner Passion an. Alles, vor dem du dich fürchtetest, zaubert dir ein krankes Lächeln ins Gesicht. Und das, was du früher geliebt hast, langweilt dich, der Gedanke an diese verloren gegangenen Schätze bringt dein Gesicht zum Einschlafen.
Und eigentlich ist dir alles egal, die ganze Welt ist dir scheissegal.
Hauptsache, du lebst in der Nacht.


Du weisst nicht wirklich, was mit dir los ist, nicht wahr? Du machst dir Sorgen, dass nichts mehr so sein wird, wie es früher war, wenn dieser Trip ein Ende nimmt, falls das je geschehen wird. Du hast Angst, dass alles Glück verfliegt, dass sich deine einst fröhliche Seele in die ewige Verdammnis verflüchtigt. Wellen der Emotionen überrollen dich.


Wie sollst du es nennen? Euphorie? Depression? Euphorische Depression? Oder doch depressive Euphorie? Geh ins Bett, würde dein Psychiater sagen. Und denk nicht so viel nach. Denken macht jeden gesunden Menschen früher oder später krank. Geh ins Bett. Geh einfach ins Bett und schlafe.


Schlafe.


Vielleicht schläfst du nicht, weil du dich in die Nacht verliebt hast, und mit ihr in das ganze Leben. Du hast dein Herz an die Nacht verloren. Du willst jeden Augenblick von ihr in vollen Zügen geniessen, deine Leidenschaften in ihr ausleben.
Vielleicht hast du Angst, diesen Moment der tiefen Nacht gehen zu lassen, für immer zu verlieren.
Du willst das euphorische Gefühl, das dein Brust zu diesen späten Stunden durchströmt, so lange wie möglich in deinem Herzen bewahren, denn du weisst, dass du es am nächsten Morgen, wenn die Müdigkeit deine Beine lähmt, vergessen haben wirst. Nicht nur vergessen, jegliche Vorstellung, wie sich dieses Gefühl nur in etwa anfühlt, verfliegt. Und du weisst nicht mehr, wie man überhaupt so etwas spüren kann. Die Flügel der Nacht fallen laut krachend zu Boden, der Alltag, in dem du all diesen unwissenden Menschen begegnest, nimmt seinen verheerend trägen Lauf.


Es wird Nacht. Und du spürst die Kraft, die von ihr ausgeht. Mit jedem Sonnenstrahl, der sich verflüchtigt und von Dunkelheit abgelöst wurde, wird sie stärker und nimmt Besitz von dir.
23:13. Dich beschleicht das Gefühl der Müdigkeit, doch du wiederstehst, denn das Buch ist spannend. Die dunkle Seite des Mondes. Du liest bis zur Stelle, an der Blank das Kätzchen seiner Hippiefreundin stranguliert, und dies ohne die Regung eines Gefühls. Schockiert legst du das Buch zur Seite. 23:54. Du sitzt am Laptop und schaust Fotos von den letzten Ferien an. Gott, das ist erst fünf Monate her. Wie du lächeltest. Naiv. Naiv und unwissend. In einer anderen Welt.
Um 0:22 stellst du deine Musik ein. Langsam entfaltet sich die Wirkung der Nacht und hinterlässt einen süssen Geschmack auf deiner Zunge. Du tanzt bis um 03:16, wie unter Drogen, in Trance. Du rennst einmal nackt ums Haus, rutschst zweimal beinahe auf der taunassen Wiese aus. 03:36. Das Buch. Wie geht es weiter mit Blank, dem seelenverwirrten Schwein? 04:02. Aha. Er stirbt also am Schluss. Das sollte dich beunruhigen. Aber du nimmst ja keine Drogen, denkst du. Du nimmst ja keine Drogen.
04:39. Du öffnest ein Word-Dokument und schreibst. Und schreibst und schreibst, 13 Seiten. Du solltest es nochmals durchlesen, um die Flüchtigkeitsfehler zu verbessern. 05:26. Alle Fehler ausgemerzt. Du löschst das gesamte Dokument. 05:57. Musik. Tanzen. 06:47. Du wachst auf. Schlingst deinen Schal um den Hals, wirfst die Jacke über und rennst zum Bahnhof. Ein neuer Tag, und er verschwimmt mit all den vorherigen zu einem grossen, klebrigen Brei, in dem du dich immer mehr verhedderst.


Im Zug gönnst du dir fünf Minuten Schlaf. Er fällt so tief aus, dass dich der alte Herr zweimal kräftig schütteln muss, ehe er dich ohrfeigt, um dich wach zu bekommen und dich auf die Endstation aufmerksam zu machen. Ein Ausrutscher.


Die Welt da draussen ist grau und schwarz und dreckig, traurig, miserabel, hundeelend.
Die Melancholie greift mit ihren klammen Fingern nach dir und hüllt dein Gemüt in eisige Kälte. Deine Fingernägel reissen ein, ganz weit hinten, so dass riesige Teile abbrechen, wie es auch die Teile deiner alten Welt tun.
Du vermisst dein warmes kuscheliges Zimmer, in dem du die bessere Hälfte der Tage verbringst. Du vermisst die dunkle Einsamkeit, in welche du dich flüchtest, die Einsamkeit, in welcher du dein Glück findest.


Deine Augen brennen, dein Kopf pocht, in ihm tanzen tausend Ameisen Samba. Deine Zunge klebt schwer und pelzig am Gaumen, du frierst unentwegt. Du kannst nicht mehr klar sehen, klar denken, reden, fühlen, handeln. Deine Augenlider klappen zu, du hast kaum mehr Kraft zu laufen, keine Nerven, irgendjemandem zuzuhören oder gar mit ihm zu sprechen. Du hast Hunger, doch du kannst nichts essen. Essen sagt dir nichts mehr. Du hast nur Appetit auf Literatur, Kunst, Musik. In den letzten Wochen hast du bestimmt schon sieben Kilo abgenommen, mindestens. Die Hose schlottert lose um deine Beine, dein Haar liegt kraftlos und ungewaschen auf den Schultern. Du weichst jeglichem Blickkontakt aus, sprichst kein Wort, du lauschst nur deiner Musik und kritzelst unleserliche Notizen in dein Büchlein.
Du bist völlig fertig, ein versifftes Wrack. Man könnte meinen, du hättest ein ernsthaftes Drogenproblem.
Du solltest schlafen, dringend.
Doppelter Espresso und zwei Aspirin.


Du kommst nach Hause, willst ins Bett, schlafen.
Nacht.
Du setzt dich hin und malst. Aquarell, Kohle, Guache.
Du schaust einen Film. Tarantino, Scorsese, Allen.
Du liest. Suter, Hesse, Kerouac.
Und du schreibst.
Die Leute lieben deine Schriften.
Wie sagt man nicht so schön, Genie und Wahnsinn liegen oft dicht beieinander.
Jeder grosse Künstler hat seine Marotten, das weisst du. Kaum einer schafft es, kein Exzentriker zu sein.
Morgen.
Und du hast wieder nicht geschlafen.


Manchmal weinst du, weil du die Normalität vermisst. Und dann weinst du, weil du weisst, dass sie nie mehr zu dir zurückkehren wird.
Und manchmal weinst du, weil du erkennst, dass so viele Menschen, die du liebtest, blind sind, dich nicht verstehen, der Schlaflosigkeit, der du hoffnungslos ausgeliefert bist, nichts abgewinnen kannst. Du hast sie alle verloren. Und bist allein.


Du schraubst dich immer weiter in den Wahnsinn. Du weisst es, du willst es verhindern, wieder auf die richtige Spur geraten, der Schlaflosigkeit entrinnen. Aber du unternimmst doch nichts dagegen.


Du stehst vor dem Spiegel, das Mondlicht scheint dir fahl ins Gesicht.
„Ich kann nicht schlafen“, jammerst du deinem Spiegelbild vor. „Es tut mir leid, ich kann nicht schlafen.“
Dein Gegenüber verzerrt schmerzerfüllt das Gesicht, leise Tränen rennen seinen Wangen hinunter.
„Wieso nicht?“, flüstert es, du kannst es kaum verstehen. „Ich bin so müde.“Der letzte Laut versinkt in einem ausartenden Schluchzer, der den Schmerz zum Vorschein bringt, der nicht länger versteckt werden kann.
„Es tut mir leid!“, rufst du verzweifelt und wischst dem Spiegelbild die Tränen aus dem Gesicht. Du wackelst mit dem Kopf, drückst die Nase an die reflektierende Oberfläche, suchst ein Anzeichen deines Wesens in den stecknadelgrossen Pupillen, die dich fixieren und tief in dich eindringen. Doch du wirst es nicht finden, dein Wesen. Du hast es verloren, dein altes Ich, für immer verloren, und egal, was du anstellen wirst, du wirst keinen Weg finden, es irgendwie jemals wieder in dieser Welt zu finden. Du bist nicht mehr Du.
Du bist wahnsinnig geworden, völlig verrückt.
Doch hab keine Angst. Nun gehörst du zu uns.
Willkommen im Club der Fantasten, der irrsinnigen Erschaffer, der Wortjongleure.
Nun, wo du zu uns gehörst, kann ich es dir sagen. Du bist nicht krank, glaub mir. Du brennst, das ist alles. Du brennst und brennst und brennst, die ganze Nacht hindurch. Bis deine Glut erlischt und du sehnsüchtig auf den erlösenden Funken der wiederkehrenden Dunkelheit wartest, den Funken, der einmal mehr in dir das Feuer entzündet.
Du musst dein altes Leben hinter dir lassen, deinem früheren Ich den Rücken zukehren. Doch das ist es wert, glaub mir. Lass los. Du wirst es hier finden, dein Glück.
Herzlich Willkommen in der Welt der Mondsüchtigen.

2 Kommentare:

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  2. «Du hast dein Herz an die Nacht verloren.» - da habe ich mich gefragt; wieso genau, wieso haben wir das. Wieso?
    Und dann hast du mir die Antwort vorweggenommen:
    «Du vermisst die dunkle Einsamkeit, in welche du dich flüchtest, die Einsamkeit, in welcher du dein Glück findest.»

    Somnambulismus.

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