Mittwoch, 19. März 2014

Alltag resüMiert - Eine Trilogie



I.   Müdigkeit

Dein Kopf pocht, die Augen fallen dir beinahe zu. Gierig greifst du nach der schwarzen Tasse, die das eine Schlückchen flüssigen Glücks beherbergt. Du hebst sie mit affektiert abgespreiztem kleinem Finger an, setzt ihren heissen Rand an deine noch tauben Lippen. Die aufsteigenden Dampfwölkchen tanzen lustig vor deinen Augen, vernebeln deine ohnehin schon trübe Sicht. Du schliesst sie, willst einen Moment nur von dem puren Duft deiner einzig wahren Muse leben, tief atmest du ein, die Geruchsmoleküle strömen in deine Nase, lösen einen wirren Bildrausch in dir aus, du denkst an Plantagen in brütender Hitze, an niedliche Cafés in bella Italia, an tanzende Buchstaben, klimpernde Tastatur und ein wenig an geschmolzene Schokolade. Du nimmst einen Schluck. Augenblicklich breitet sich das altbekannte, doch immer noch befremdliche Aroma in deinem Mund aus, befällt Zunge und Zähne, schwappt wie eine Welle durch deinen gesamten Körper. Deine Pupillen ziehen sich reflexartig zusammen, deine Nackenhärchen richten sich auf wie bei einer besonders zärtlichen Berührung einer noch zarteren Hand. Aller Schwermut, jegliche Verdrossenheit fällt von dir ab.
Du siehst klar.
Nächtlicher Wahnsinn entrinnt, der Tag beginnt.



II.   Monotonie

Einen Fuss nach dem anderen setzt du auf den mit vereinzelten Kristallen besetzten Asphalt, so wie das halt funktioniert wenn man läuft. Fuss nach Fuss nach Fuss. Anheben, Boden anpeilen, absetzen, abrollen. Fuss um Fuss um Fuss. Du schleichst den Berg hinab, Fuss nach Fuss nach Fuss. Vorwärts, immer vorwärts. Fuss um Fuss um Fuss. Jeden Tag läufst du tausend Schritte. Fuss nach Fuss nach Fuss um Fuss um Fuss um Fuss. In der Ferne dein Ziel, eingehüllt in Nebelschwaden. Das rote Licht reisst dich plötzlich aus deiner fussfetischistischen Trance. Wild tanzt der Punkt von links nach rechts, begleitet von melodiösem Gebimmel des Warnsignals. Dein Herz bleibt für einen kurzen Moment stehen, dein Blut friert ein, dein Blick erstarrt. Zischend rauscht der Zug zwischen den Hügeln hervor.
Du rennst.
Sonne auf, der Tag nimmt seinen Lauf.



III.  Mondsucht

Eisig haucht dich die kühle Nacht an, dir friert, du zitterst. Aber doch stehst du hier, einmal mehr, und blickst in die Dunkelheit in der Hoffnung, sie möge dieses Mal für immer währen. In der Ferne krächzt etwas, du kannst nicht sagen, ob dieser erstickende Laut von einem Getier stammt oder doch eher von den morschen Ästen der im sanften Wind wiegenden Bäume. Die Nebelschwaden wabern durch die Lüfte, scheinen ihre klammen Finger nach dir auszustrecken. Vielleicht ist es Glück, vielleicht auch nur einfach Intuition, doch gleichzeitig wie du deinen Blick hebst, zieht der Nebel von dannen, entblösst die Blüte der Nacht. Alle Luft weicht aus deinen Lungen, bis sie wie zwei schlaffe Säcke in deiner Brust kleben. Fahles Licht scheint auf dein Gesicht, dein Herz setzt ein, zwei Schläge aus, die Welt scheint sich für einen Augenblick in Zeitlupe zu drehen, wenn sie nicht ganz stehen geblieben ist. Der Mann in Mond lächelt nur für dich. Dann zwinkert er dir verstohlen zu.
Du zwinkerst zurück.
Sonne unter, Sonne auf, der Tag nimmt einmal mehr seinen Lauf.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen