I.
Müdigkeit
Dein Kopf pocht, die Augen fallen dir beinahe zu. Gierig
greifst du nach der schwarzen Tasse, die das eine Schlückchen flüssigen Glücks
beherbergt. Du hebst sie mit affektiert abgespreiztem kleinem Finger an, setzt
ihren heissen Rand an deine noch tauben Lippen. Die aufsteigenden Dampfwölkchen
tanzen lustig vor deinen Augen, vernebeln deine ohnehin schon trübe Sicht. Du
schliesst sie, willst einen Moment nur von dem puren Duft deiner einzig wahren
Muse leben, tief atmest du ein, die Geruchsmoleküle strömen in deine Nase,
lösen einen wirren Bildrausch in dir aus, du denkst an Plantagen in brütender
Hitze, an niedliche Cafés in bella Italia, an tanzende Buchstaben, klimpernde
Tastatur und ein wenig an geschmolzene Schokolade. Du nimmst einen Schluck.
Augenblicklich breitet sich das altbekannte, doch immer noch befremdliche Aroma
in deinem Mund aus, befällt Zunge und Zähne, schwappt wie eine Welle durch
deinen gesamten Körper. Deine Pupillen ziehen sich reflexartig zusammen, deine
Nackenhärchen richten sich auf wie bei einer besonders zärtlichen Berührung
einer noch zarteren Hand. Aller Schwermut, jegliche Verdrossenheit fällt von
dir ab.
Du siehst klar.
Nächtlicher Wahnsinn entrinnt, der Tag beginnt.
Du siehst klar.
Nächtlicher Wahnsinn entrinnt, der Tag beginnt.
II.
Monotonie
Einen Fuss nach dem anderen setzt du auf den mit
vereinzelten Kristallen besetzten Asphalt, so wie das halt funktioniert wenn
man läuft. Fuss nach Fuss nach Fuss. Anheben, Boden anpeilen, absetzen,
abrollen. Fuss um Fuss um Fuss. Du schleichst den Berg hinab, Fuss nach Fuss
nach Fuss. Vorwärts, immer vorwärts. Fuss um Fuss um Fuss. Jeden Tag läufst du
tausend Schritte. Fuss nach Fuss nach Fuss um Fuss um Fuss um Fuss. In der
Ferne dein Ziel, eingehüllt in Nebelschwaden. Das rote Licht reisst dich
plötzlich aus deiner fussfetischistischen Trance. Wild tanzt der Punkt von
links nach rechts, begleitet von melodiösem Gebimmel des Warnsignals. Dein Herz
bleibt für einen kurzen Moment stehen, dein Blut friert ein, dein Blick
erstarrt. Zischend rauscht der Zug zwischen den Hügeln hervor.
Du rennst.
Sonne auf, der Tag nimmt seinen Lauf.
Du rennst.
Sonne auf, der Tag nimmt seinen Lauf.
III. Mondsucht
Eisig haucht dich die kühle Nacht an, dir friert, du
zitterst. Aber doch stehst du hier, einmal mehr, und blickst in die Dunkelheit
in der Hoffnung, sie möge dieses Mal für immer währen. In der Ferne krächzt
etwas, du kannst nicht sagen, ob dieser erstickende Laut von einem Getier
stammt oder doch eher von den morschen Ästen der im sanften Wind wiegenden
Bäume. Die Nebelschwaden wabern durch die Lüfte, scheinen ihre klammen Finger
nach dir auszustrecken. Vielleicht ist es Glück, vielleicht auch nur einfach
Intuition, doch gleichzeitig wie du deinen Blick hebst, zieht der Nebel von
dannen, entblösst die Blüte der Nacht. Alle Luft weicht aus deinen Lungen, bis
sie wie zwei schlaffe Säcke in deiner Brust kleben. Fahles Licht scheint auf
dein Gesicht, dein Herz setzt ein, zwei Schläge aus, die Welt scheint sich für
einen Augenblick in Zeitlupe zu drehen, wenn sie nicht ganz stehen geblieben
ist. Der Mann in Mond lächelt nur für dich. Dann zwinkert er dir verstohlen zu.
Du zwinkerst zurück.
Sonne unter, Sonne auf, der Tag nimmt einmal mehr seinen Lauf.
Du zwinkerst zurück.
Sonne unter, Sonne auf, der Tag nimmt einmal mehr seinen Lauf.
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