Montag, 27. Oktober 2014

Honig. I - Die Oberfläche ankratzen



 
Sie dachte, sie wäre stark genug, sie dachte, sie könne dies alles über sich ergehen lassen, ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, sie dachte, wenn es vorbei wäre, wäre es vorbei, endgültig, fertig, Ende, aus. Doch dem war nicht so, und wenn sie gewusst hätte, dass sie wochen-, gar monatelang noch mit alledem hadern, das Grundprinzip der Liebe in Frage stellen und in den Abgründen der Welt verloren gehen würde, Honig, sie wäre gesprungen, oder noch besser, weil friedlicher, sie wäre eingeschlafen, eingeschlafen, um nie mehr wieder aufzuwachen.

Konfetti, Seifenblasen, bunte Menschen, lauter Bass.
Schleife im Haar, Glitzer auf den Wangen.

Sie dachte, sie wäre dafür wie gemacht, sie dachte, es würde nichts als Spass machen, wilder Tanz, lange Nächte, die Strasse, schwere Rucksäcke, Hitze, Schweiss, Schokoladeneis, sie dachte, es würde perfekt sein, nur ihr zwei, du und sie, du, Honig, und sie, Herz. Sie dachte, sie wäre dein Herz, Honig, seit dieser Winternacht langsam und schrittweise mit deinem verwachsen, auf dass sie nie wieder getrennt werden mögen.

Trommelnder Regen, klebrig-brauner Matsch, einstürzendes Pavillon.
Wasser im Regenstiefel und Worte im Gesicht, Wasser auf den Wangen.

Sie dachte, es wäre ihre Schuld, sie dachte, sie hätte alles falsch gemacht, sie dachte, es wäre nichts als die Wahrheit, was deine Stimme in dieser Nacht hatte verlauten lassen, denn nur du warst im Recht, Honig, denn du hattest immer Recht, wieso sollte das, was aus dir sprudelte, unsinnig sein, krank verzogen in Ecken, die beinahe Worte wie schizophren in sich trugen und ihr alle Bürde des Leides auftrugen.

Frischer Morgentau, zugemüllte Wiese, davonrauschende Züge.
Verwelkte Blumen im Haar, verschmiertes Make-up auf den Wangen.

Süsses Vergessen für zwei, drei Wochen.

Sie schlief ein, Honig, sie schlief ein und träumte diesen traumlosen Traum.

Funkstille.

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